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Aus Raspberry Pi Geek 02/2017

9-Dollar-Chip von Next Thing ausprobiert (Seite 2)

Nun müssen Sie in Chrome/Chromium eine Webseite des Herstellers [8] aufrufen, die zum Funktionieren mindestens die Version 49 des Browsers voraussetzt. Hier erfahren Sie erst einmal, dass das Flashen nur mit einer Chrome-App funktioniert, die es nachzuinstallieren gilt.

Anschließend können Sie unter sechs verschiedenen Varianten und Versionen der Distribution auswählen. Unglücklicherweise fehlt hier eine Übersicht, worin im Einzelnen sich die Varianten eigentlich genau unterscheiden. Wir entscheiden uns für GUI 4.4 No Limit. Daraufhin führt uns die App per Dialog durch den eigentlichen Flash-Vorgang – der erst einmal nach kurzer Zeit fehlschlägt.

Wir werden misstrauisch, denn zu diesem Zeitpunkt lahmt unsere Internet-Verbindung. Obwohl sich nirgends erkennen lässt, wie groß das Betriebssystem-Image ausfällt, kann der eigentliche Flash-Vorgang schon zeitlich kaum begonnen haben – es sei denn, er erfolgt bereits während des Downloads. Wir entscheiden uns deshalb, das Image erst einmal herunterzuladen, und wählen dann auf der Webseite die Option, eine lokale Datei zu flashen. Jetzt klappt es – und nebenbei erfahren wir, dass das Image rund 625 MByte groß ist.

So angenehm das Flashen per Chrome-App ist, stellt es doch die Zukunftsfähigkeit der Lösung infrage: Chrome-Apps für den Browser soll es zukünftig nicht mehr geben [9]. Zwar existiert auch eine Kommandozeilenalternative, sie funktioniert aber ausschließlich unter Linux. Windows- und Mac-Anwender bleiben außen vor.

Aufsatz mit mehr Pixeln

Bereits zum Start des Chip standen zwei Aufsätze zur Verfügung, sogenannte DIPs (Abbildung 3). Sie stellen einen HDMI- beziehungsweise einen VGA-Anschluss zur Verfügung. Ähnlich wie beim HAT-Konzept des Raspberry Pi soll ein solcher Aufsatz einen kleinen Speicherbaustein enthalten, der Auskunft über die Art des DIPs gibt. Auf diese Weise kann der Chip den Aufsatz automatisch identifizieren und den notwendigen Treiber laden. DIPs gibt es nicht nur von Next Thing, auch eine ganze Reihe von Nutzern hat bereits eigene Entwürfe als Open Hardware zur Verfügung gestellt [10].

Abbildung 3: Für den Chip gibt es als DIPs bezeichnete Erweiterungsplatinen, die konzeptionell den RasPi-HATs ähneln – hier der HDMI-DIP.

Abbildung 3: Für den Chip gibt es als DIPs bezeichnete Erweiterungsplatinen, die konzeptionell den RasPi-HATs ähneln – hier der HDMI-DIP.

Unser HDMI-Aufsatz funktionierte im Test sofort und ohne weitere Konfiguration. Davor stand allerdings das kleine Rätsel, wie herum man den DIP eigentlich aufsetzen muss. Auf der Platine selbst gibt es keine Indikatoren, auch das Aussehen vermittelt keine weiteren Informationen dazu. Wir mussten in der Dokumentation nachsehen. Auch mit dem Aufsatz wirkt der Chip nicht klobig, der HDMI-Stecker befindet sich auf der Unterseite der Platine. So mutiert der Chip zum kompakten Riegel, der auch ohne Gehäuse den Bastleralltag übersteht (Abbildung 4).

Abbildung 4: Mit aufgestecktem DIP wandelt sich der Chip zum kompakten Riegel, der nicht unbedingt ein Gehäuse benötigt.

Abbildung 4: Mit aufgestecktem DIP wandelt sich der Chip zum kompakten Riegel, der nicht unbedingt ein Gehäuse benötigt.

Zwar blockiert der Aufsatz die Pinleisten des Chip, schleift aber immerhin eine Reihe von Steckern – darunter einige GPIO-Pins – auf entsprechende Kontakte auf dem DIP durch. Dazu gehört auch eine kleine Prototyping-Area. Ähnliches gilt für den VGA-Aufsatz, wo sogar deutlich mehr Pins verfügbar bleiben. Um das sinnvoll zu nutzen, muss man aber zwangsläufig zum Lötkolben greifen.

Als wir den Chip samt HDMI-DIP anstecken, startet der Desktop mit einer deutlich angenehmeren Auflösung von 1360 x 768 Pixeln, über die Systemeinstellungen lässt sich das auf bis zu 1920 x 1080 hochdrehen. Als Nächstes geben wir die Daten fürs WLAN an, die Verbindung klappt. Wir beginnen mit der Installation diverser Programme und laden auch einige Videos herunter.

Kucken, hören, daddeln

Kodi fällt hier als Mediacenter aus, da es keine Allwinner-Chips unterstützt. Deswegen testen wir Videos in mittlerer Qualität per vorinstalliertem MPlayer: Er spielt sie klaglos ab – eigentlich eher sang- und klanglos, denn wir erhalten am TV-Gerät keinen Ton. Das liegt daran, dass der Chip keine Audioausgabe per HDMI unterstützt. Das Audiosignal liegt aber weiterhin an der Klinkenbuchse an, Kopfhörer oder Stereoanlage sind also Pflicht. HDMI-CEC zum Steuern des Chip über die Fernbedienung eines angeschlossenen TVs fällt ebenfalls aus.

Als Nächstes steht Mednafen [11] auf unserer Versuchsliste, ein einheitliches Kommandozeilen-Interface für Spielkonsole-Emulatoren. Wir testen zuerst ein Gameboy-Spiel. Das funktioniert zwar, die Framerate bleibt aber viel zu niedrig. Eher durch Zufall stoßen wir im Next-Thing-Forum auf den Hinweis, in der Mednafen-Konfigurationsdatei den Eintrag für den Videotreiber video.driver von opengl auf sdl zu ändern. Und tatsächlich, damit lässt sich eine vernünftige Framerate erzielen.

So ermutigt, testen wir ein Playstation-1-Spiel, das eine ganze Weile zum Laden benötigt – verschwendete Liebesmühe, die erzielte Framerate lässt sich nur als unterirdisch bezeichnen. Daran ändern auch Experimente mit der Treibereinstellung nichts. Trotzdem nutzen wir die Gelegenheit, auch unseren Xbox-360-Controller anzuschließen und auszuprobieren – Fehlanzeige auch hier.

Erwartungsgemäß ebenfalls eher lahm verhält sich Firefox ESR, geborener Iceweasel. Allgemein stellt gerade das Starten von Desktop-Programmen immer eine kleine Geduldsprobe dar. Zuerst lasten wir das dem SoC mit seinem einzelnen Kern an, haben uns doch andere Bastelrechner bei den Tests in den letzten Monaten mit mehreren CPU-Kernen verwöhnt.

Doch die Resultate eines Benchmarks belehrten uns eines Besseren – dazu gleich mehr. Wahrscheinlich liegt der Hase beim UBIFS-Dateisystem im Pfeffer: Es komprimiert die Daten, bevor es sie auf den Flash-Speicher praktiziert. Gerade GUI-Programme, die meist umfangreiche Programmdateien und Bibliotheken umfassen, brauchen wegen des Entpackvorgangs länger zum Laden; Ähnliches dürfte auch für das 630 MByte große getestete Playstation-Spiel gelten.

Benchmark mit Surprise

Andererseits empfiehlt sich mit Blick auf den gerade mal 512 MByte großen Arbeitsspeicher und den einsamen CPU-Kern der Chip sowieso bestenfalls bedingt für den Einsatz als Desktop-System. Wir wollen es jetzt genauer wissen und starten verschiedene Testläufe mit Unixbench und Sysbench, um mehr über die Prozessorleistung zu erfahren. Die Tabelle “Unixbench-Ergebnisse: Chip, RasPi Zero, RasPi 3” zeigt die überraschenden Resultate.

Unixbench-Ergebnisse: Chip, RasPi Zero, RasPi 3

 

Chip

RasPi Zero

RasPi 3(1)

Dhrystone

319,5

196,0

327,0

Whetstone

35,5

61,2

110,9

Pipe Throughput

223,5

134,4

155,8

Shell Script (einzeln)

178,6

104,5

285,5

Shell Script (8 parallel)

161,8

94,5

554,8

Gesamt

176,1

95,2

201,5

(1) Resultat für nur einen CPU-Kern

Unter Unixbench hängt der Chip den Raspberry Pi Zero deutlich ab und liegt zuweilen auf Augenhöhe mit dem RasPi 3, betrachtet man nur einen Kern. Das erscheint bemerkenswert, taktet der Zero doch ebenso schnell wie der Chip – der RasPi 3 legt sogar noch einige Hundert MHz drauf. Allerdings nutzt das Betriebssystem des Chip die Vorteile der ARM-v7-Architektur aus, während Raspbian immer noch bei ARM v6 verharrt. Lediglich beim reinen CPU-Test von Sysbench gibt es eine klare Abstufung: Der Zero benötigt für 10 000 Durchläufe mit einem Thread 350 Sekunden, der Chip 285 Sekunden und der Raspberry Pi 3 182 Sekunden.

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