Knapp zwei Jahre später, im Mai 2020, kündigte die Raspberry Pi Foundation zusammen mit dem Raspberry Pi 4 in der 8-GByte-Version an, Raspbian in Raspberry Pi OS umzubenennen [12]. Doch was die Raspberry Pi Foundation umbenannt hat, sind nur die Images; das Raspbian-Projekt selbst existiert nach wie vor.
Obwohl das erst einmal für Verwirrung sorgte, ist es nun doch leichter, die Images und das Apt-Repository der Raspberry Pi Foundation mit vielen Non-free-Paketen, die nicht aus Debian stammen, vom Raspbian-Projekt zu unterscheiden. Das bietet nur die Pakete an, die Debian selbst im Programm hat, gegebenenfalls mit leichten Modifikationen und Optimierungen.
Damit wären zunächst die technischen Unterschiede zwischen Debian und Raspbian sowie die Begriffe Raspbian und Raspberry Pi OS geklärt. Ziel des Artikels ist es aber, Pi OS und Debian auf dem RasPi zu vergleichen, und das nicht nur technisch. Dennoch fehlen hier noch ein paar Details, die in Zukunft aber immer wichtiger werden dürften und die direkt zu ein paar Unterschieden in der Praxis führen: Architekturen, Philosophie, Images und die installierten Systeme im Alltag.
Architekturen
Wie erwähnt gibt es die beiden Architekturen Armel und Armhf. Mit der Freigabe des RasPi 4 mit 8 GByte RAM stößt diese Geräteklasse in Bereiche vor, in denen die Armhf-Architektur mit ihren 32 Bit an ihre Grenzen kommt: Einzelne Prozesse können dort nicht mehr als 3 GByte RAM benutzen. Deswegen bietet die Raspberry Pi Foundation inzwischen zusätzlich 64-Bit-Images an. Sie laufen nicht nur auf dem RasPi 4, sondern auch auf dem RasPi 3, der ebenfalls von Beginn an 64-Bit-fähig war.
Weil dabei aber keinerlei Rekompilation oder Optimierung mehr anfällt und Raspbian deshalb keine 64-Bit-Architektur bereitstellt, baut Raspberry Pi OS in der 64-Bit-Architektur Arm64 (bei anderen Distributionen gelegentlich als Aarch64 bezeichnet) direkt auf Debian auf. Dieser Unterschied fällt im Betrieb aber praktisch nicht auf.
Philosophisches
Obwohl Raspberry Pi OS indirekt beziehungsweise direkt von Debian abstammt, unterscheidet es sich hinsichtlich der Ziele und Zielgruppen von diesem. Während Debian ein universelles, komplett freies Betriebssystem anbieten möchte, das alle Zielgruppen ähnlich gut anspricht, wendet sich Raspberry Pi OS eher an Maker, das Bildungswesen und Programmiereinsteiger, insbesondere an Jugendliche.
Entsprechend stehen bei Pi OS freie Software und Privatsphäre lange nicht so hoch im Kurs wie beim Debian-Projekt. Das äußert sich unter anderem darin, dass sich im Apt-Repository der Foundation speziell für den RasPi zugeschnittene Versionen kommerzieller Software finden, wie etwa das Mathematik-Programm Wolfram Mathematica, das Spiel Minecraft und – ganz aktuell – Microsofts Entwicklungsumgebung Visual Studio Code.
Böse Zungen behaupten, die Foundation hätte die Versionen nur bekommen, weil die Hersteller so potenzielle Benutzer bereits in jungen Jahren an die Programme heranführen wollten, damit diese sie dann später für ihren PC kaufen. Bisher konnten diejenigen, die Pi OS aus Bequemlichkeit einsetzen, aber eigentlich vor allem freie Software wollten, typischerweise darüber hinwegsehen und die in den Repositories angebotenen unfreien Pakete einfach nicht installieren.
Anfang Februar 2021 attackierte die Foundation aber die Privatsphäre und damit das Vertrauen der Benutzer massiv, indem sie automatisch, ungefragt und ohne jede Vorwarnung auf sämtlichen Systemen mit Pi OS “Buster” ein Apt-Repository und einen PGP-Key einer Drittpartei hinzufügte: Microsoft [13].
Ab da kontaktierte jeder RasPi beim Aktualisieren der Paketlisten mittels apt update einen Server von Microsoft. Damit weiß Microsoft seither recht genau, wie viele (aktuell gehaltene) RasPis in der freien Wildbahn arbeiten und grob, wie sie sich auf der Welt verteilen.
Auf den darauffolgenden Sturm der Entrüstung im Internet, etwa auf Twitter [14], reagierte der Raspberry-Pi-Chef Eben Upton nur mit Unverständnis [15] und der (falschen) Behauptung, das habe man schon immer so gemacht. Vermutlich spielte er damit auf das Verteilen von Drittpartei-Software aus dem eigenen Apt-Repository an. Diese Haltung zeigt aber wiederum, wie offensichtlich unklar und fremd ihm die Problematik der Privatsphäre ist – umso schlimmer, da sich Raspberry Pi OS nicht zuletzt an Kinder und Jugendliche richtet.
Des Weiteren wurden Diskussionen zu diesem Thema im offiziellen Raspberry-Pi-Forum zunächst unterbunden, später gelöscht und schlicht als Microsoft-Bashing [16] abgetan. Diese Art und Weise des Umgangs miteinander erscheint gelinde gesagt unangemessen. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Wollen Sie auf dem RasPi ein komplett freies Betriebssystem nutzen, dem Sie vorbehaltlos vertrauen dürfen, stellt Debian definitiv die bessere Wahl dar.
Allerdings scheint die weltweite Empörung bei der Foundation schließlich doch zumindest Unbehagen ausgelöst zu haben: Ganz still und leise deaktivierte sie Mitte März 2021 das Microsoft-Repository mit Update des Pi-OS-eigenen Pakets raspberrypi-sys-mods wieder. Der schlechte Nachgeschmack dieser Aktion bleibt aber. Die im Microsoft-Repository gehostete, unfreie und laut Lizenz auch noch datensammelnde Microsoft-Software Visual Studio Code lässt sich nun aus dem Apt-Repository der Raspberry Pi Foundation über das Paket code installieren.
Die Pi-OS-Images
Neben den philosophisch-politischen Betrachtungen gibt es ganz praktische Unterschiede. Hier zeigt sich wieder, dass beide Systeme verschiedene Zielgruppen bedienen. Pi OS konzentriert sich auf einen eng umgrenzten Benutzerkreis, Debian möchte alle Zielgruppen gleich gut bedienen – solange das keine Kompromisse bei Lizenzen oder Privatsphäre erfordert.





