
Abbildung 3: Beim RasPi 400 erkennt Pi OS zwar die Länderversion, bietet aber dennoch nur einen englischsprachigen Konfigurationsdialog an.
Allerdings muss man den Machern von Pi OS wohl zugestehen, dass die Verwendung des Englischen an dieser Stelle durchaus Sinn ergibt: Bei einer fehlerhaften Spracherkennung könnte der Benutzer sonst recht dumm dastehen. So haben die meisten Nutzer zumindest die Chance, Land und Sprache zu erkennen und so auf Englisch die richtige Einstellung zu finden. Allerdings bleiben alle Einrichtungsdialoge bis zum abschließenden Neustart des RasPi weiter auf Englisch.
Verfügbare Software
Trotz der sehr großen Auswahl an Software-Paketen in Debian verfügt Raspberry Pi OS über die größere Paketauswahl – und das nicht nur aufgrund der unfreien (aber kostenlosen) Versionen von Mathematica, Minecraft, VS Code und Konsorten.
Raspberry Pi OS unterstützt schon im Auslieferungszustand viele HATs und PHATs, also Steckaufsatzplatinen für den RasPi. Für sehr viele der bei Pimoroni [26] erhältlichen HATs sind bereits passende Python-Bibliotheken als Pakete installiert oder zumindest per Apt installierbar. Bei Debian müssen Sie diese meist in Python geschriebenen Module über den Python-Paket-Installer Pip außerhalb von Debians Paketsystem nachinstallieren. Das widerstrebt den Nutzern, die nur eine einzige Paketverwaltung auf dem System im Blick behalten möchten.
Daneben bringt Pi OS mehr Pakete zur Benutzung der GPIO-Pins mit. Der Abstand zu Debian schrumpft aber gefühlt mit jedem Debian-Release, da auch dort mehr und mehr Pakete zur GPIO-Ansteuerung hinzukommen.
Neben Software, die es in Debian gar nicht gibt, arbeitet Pi OS an einigen Stellen mit neueren oder schlicht anderen Paketen als das entsprechende Debian-Release. So stammte das Paket chromium-browser in Raspberry Pi OS lange Zeit von Ubuntu und heißt auch jetzt noch chromium-browser, statt wie bei Debian nur chromium.
Das Chromium-Paket von Pi OS wurde sehr stark für den RasPi optimiert, insbesondere auf die Beschleunigung der Grafikhardware. Allerdings scheint das Paket inzwischen von der Raspberry Pi Foundation alleine weitergepflegt zu werden, seitdem Ubuntu unnötigerweise das Chromium-Paket auf ihr Snap-Container-Format umgestellt hat.
Weiter fällt auf, dass es bei Raspberry Pi OS zwischendurch immer wieder Sprünge bei den Kernel-Versionen gibt und das System, ohne auf ein neues Raspbian-Release zu wechseln, plötzlich deutlich neuere Kernel bekommt. Da diese aber vom Hersteller der Hardware gepflegt und vor allem auch getestet werden, treten dabei selten größere Probleme auf.
Bei Debian dagegen bleibt die Kernel-Version bis auf Sicherheitsupdates während einer Veröffentlichung immer auf dem gleichen Kernel-Zweig. Ähnliches gilt für den Raspberry-Pi-Desktop, der ab und an größere Anpassungen erlebt, nicht nur bei einem neueren Debian-Release.
Dennoch gibt es Pakete, die Pi OS zwar theoretisch mitbringt, die sich aber aufgrund von Abhängigkeiten nicht installieren lassen. Ein typisches Beispiel hierfür bietet das Init-System. Trotz nicht deklarierter Abhängigkeiten funktionieren viele Pakete der Raspberry Pi Foundation (etwa raspberrypi-net-mods) nur mit Systemd. Wer dagegen OpenRC oder das SysVinit nutzen möchte, muss damit rechnen, dass dann diverse zentrale Pakete von Raspberry Pi OS nicht mehr funktionieren.
Ähnlich sieht es auch beim DHCP-Client aus. Raspberry Pi OS liefert dhcpcd5 mit. Wechseln Sie zu einem anderen DHCP-Client, können Sie eventuell nicht mehr alle Tools von Raspberry Pi OS benutzen. Das betrifft insbesondere die Netzwerkkonfiguration mit Raspi-config.
Fazit
Debian für den Raspberry Pi und Raspberry Pi OS ähneln sich zwar auf den ersten Blick weitgehend, da ja das eine auf dem anderen aufbaut. Vor allem aus den Philosophien hinter den Distributionen resultieren aber Unterschiede an oft relevanten Stellen, die entsprechende Vorzüge und Nachteile mit sich bringen.
Liegen Ihnen Privatsphäre und freie Software am Herzen und sehen Sie den Raspberry Pi mehr als Desktop oder Server denn als Gerät oder Steuerung an, dann ist sicher Debian die bessere Wahl. Dasselbe gilt, wenn Sie ganz genaue Vorstellungen davon haben, welche Software installiert sein muss und welche nicht installiert sein darf.
Schätzen Sie dagegen die bei Raspberry Pi OS mitgelieferte, kommerzielle Software, obwohl der Quellcode dieser Komponenten nicht offenliegt, arbeiten Sie viel mit HATs oder PHATs oder suchen Sie ein Image für alle RasPi-Generationen mit viel vorinstallierter Software bei so wenig Aufwand wie möglich, dann sollten Sie Raspberry Pi OS den Vorzug geben.
Und noch ein Punkt spielt bei der Auswahl eine Rolle: Auf einem Raspberry Pi 1 oder Pi Zero arbeitet Debian aufgrund der nicht auf die Hardware optimierten Armel-Architektur wesentlich langsamer als Pi OS. Kommt es hier also auf Ausführungsgeschwindigkeit an, greifen Sie besser zu Raspberry Pi OS. (cla/jlu)





