Aus Raspberry Pi Geek 10/2018

Waveform 9 macht den RasPi zum Tonstudio (Seite 3)

Passend zum Faceplate-Konzept führt Waveform 9 Makros ein. Damit fassen Sie mehrere Parameterregler in einem Controller zusammen. Auf diese Weise gelingt es unter anderem, den Einfluss des Controllers auf verschiedene Parameter unterschiedlich einzustellen. So koppeln Sie etwa das Öffnen eines Filter-Cutoffs mit dem Absenken eines Verzerrers – eine Technik, die besonders für Freunde des Controllerism interessant sein dürfte (siehe Kasten “MIDI trotz allem”).

Sämtliche Regler lassen sich nun mit Wellenfunktionen steuern, die Modulators heißen (Abbildung 7). Dazu ziehen Sie das Symbol in auffälligem Orange rechts oben im Hauptfenster auf ein Plugin, nicht jedoch direkt auf einen Regler. Die Modulatorfunktionen bieten die üblichen Kurven (Sinus, Dreieck oder Ähnliches), Hüllkurven und einen MIDI-Tracker, mit dem Sie sehr gezielt musikalisch modulieren.

Abbildung 7: Der VST-Synth VEX mit von einem Envelope Follower modulierten Filter.

Abbildung 7: Der VST-Synth VEX mit von einem Envelope Follower modulierten Filter.

Eine besondere neue Fähigkeit verbirgt sich unter der Oberfläche: MIDI-Clips unterstützen nun MIDI Polyphonic Expression (MPE). Damit lassen sich tonformende Signale wie Vibrato und Aftertouch auf einzelne Noten anwenden. Im klassischen MIDI-Standard sind solche Ausdruckssignale nur für alle während der Anwendung erklingenden Noten gleichzeitig möglich. Dazu gehört freilich ein MIDI-Instrument, das solche Signale nach MPE-Standard sendet. Linn und Roli bieten kostspielige Instrumente an, die in Waveform und Bitwig Studio selbst unter Linux ihre speziellen Qualitäten ausspielen.

Fazit

Waveform 9 löst einige kleine Problemchen der Vorgängerversion und bietet viele neue, nützliche Erweiterungen. Nach wie vor startet und arbeitet das Programm pfeilschnell, selbst auf der schmalen Hardware des RasPi 3. Mit seiner aufgeräumten, für kleine Bildschirme gut geeigneten Oberfläche eignet es sich auch für Eigenbau-Geräte auf Basis des Mini-PCs. Sofern Sie mit den Problemen bei der MIDI-Aufnahmefunktion leben können, erhalten Sie mit Waveform 9 eine sehr gute Komplettlösung für Musikproduktion auf dem RasPi zu einem vernünftigen Preis. 

Probleme und Lösungen

Das Rendern eines MIDI-Clips als Audio klappt nur dann, wenn Sie bei den Render-Optionen Pass Through Plugins gesetzt haben (Abbildung 8). Tracktion erlaubt es, den Karteireiter eines geöffneten Edits als Soundclip auf eine Spur eines anderen Edits zu ziehen. Allerdings registrierten wir dabei im Test einige irritierende Fehler: Waveform meldete, dass ein durchaus normal spielbarer Edit “leer” sei, und verweigerte die Aktion.

Sie setzen die Aktion aber dennoch um, indem Sie den gewünschten Edit per Hand exportieren und den Export in die gewünschte Spur des anderen Edits ziehen. Beachten Sie aber, dass dieser Export nicht auf Änderungen in seinem ursprünglichen Edit reagiert. Deshalb müssen Sie diesen nach jeder Anpassung neu exportieren.

Multisampler merkt sich in seiner aktuellen Instanz alle Einstellungen und stellt sie beim Neustart des Edits wieder her. Allerdings speichert er die Einstellungen nicht als Presets. Wenn Sie nun den Preset-Umschalter oben in der Mitte benutzen, verschwinden alle aktuellen Einstellungen auf Nimmerwiedersehen. Gewöhnen Sie es sich also besser an, die Einstellungen regelmäßig als Preset im Arbeitsbereich des Plugins unten mittig im Hauptfenster zu speichern (Abbildung 9).

Abbildung 8: Waveform merkt sich die Option »Pass Through Plugins« für alle Render-Vorgänge. Behalten Sie diesen Punkt im Auge, wenn Sie ihn beim Rendern von reinen Audiospuren deaktivieren möchten.

Abbildung 8: Waveform merkt sich die Option »Pass Through Plugins« für alle Render-Vorgänge. Behalten Sie diesen Punkt im Auge, wenn Sie ihn beim Rendern von reinen Audiospuren deaktivieren möchten.

Abbildung 9: Falls Sie versehentlich auf den Preset-Wähler oben in der Mitte des Multisamplers geklickt haben, stellen Sie Ihre Einstellungen jederzeit aus einem gespeicherten Preset wieder her.

Abbildung 9: Falls Sie versehentlich auf den Preset-Wähler oben in der Mitte des Multisamplers geklickt haben, stellen Sie Ihre Einstellungen jederzeit aus einem gespeicherten Preset wieder her.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Für ihn passten freie Software und selbst gemachte Musik schon immer prima zusammen. Unter http://lapoc.de finden Sie einige CC-lizenzierte klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware.

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