Der RasPi bringt genügend Performance mit, um als kleine DAW zu dienen. Mit Waveform 9 haben Sie die passende Software zur Hand.
Tracktion.com bietet seit langen Jahren Suiten für die Musikproduktion – sogenannte Digital Audi Workstations (DAWs) für Linux zum Kauf an. Mit Waveform 8 brachte Tracktion die erste Variante auf den Markt, die sich für die ARM-Prozessoren des Raspberry Pi eignete. Dass die Firma dieses Experiment als Erfolg bewertet, beweist seit Frühjahr 2018 die neue Version 9 von Waveform für den RasPi (Abbildung 1).

Abbildung 1: Waveform 9 auf dem RasPi: Viele sinnvolle Funktionen, aber der Tool-Tipp zum MIDI-Stiftwerkzeug ist irreführend.
Beeren sammeln
Der Download und das Aktivieren der Software läuft bei Tracktion komplett über die Marketplace-Sektion der Webseite [1], für die Sie dazu einen Account benötigen. Nach dem Erwerb der Lizenz für 109 US-Dollar – rund 93,50 Euro – erscheint dort das jeweilige Produktangebot; für den RasPi gibt es bislang nur Waveform selbst.
Die virtuellen Instrumente und Effekte stehen nur für Linux auf der x86-Plattform bereit. Allerdings enthält die RasPi-Variante alle internen Instrumente und Effekte. Das Debian-Paket von Waveform spielen Sie mit dpkg -i problemlos etwa in einem Ubuntu Maté für den RasPi ein (siehe Kasten “Setup”).
Setup
CPU, Grafikchip und Arbeitsspeicher des RasPi erlauben einen Betrieb der Waveform-Oberfläche ohne Ruckeln. Die Echtzeit-Sound-Engines von Juce und Jack stellen allerdings Anforderungen, die der im Mini-PC verbaute BCM-Soundchip nicht erfüllt. Selbst bei sehr konservativen Einstellungen für Latenzen von mehr als 30 Millisekunden klappt ein normaler Betrieb nicht.
Für brauchbare Aufnahmen eignet sich der krude BCM-Codec sowieso nicht, weil sein Eingang schon auf der analogen Seite deutlich Nebengeräusche fabriziert. Die Lösung liegt in einem USB-Sound-Interface, das in für Musikanwendungen geeigneter Form ab etwa 30 Euro zu haben ist.
Im Test kam ein UCA222 des bewährten Billigproduzenten Behringer zum Einsatz. Der Rechner erkennt das Gerät ohne Weiteres als USB-Codec und konfiguriert es entsprechend. Alsamixer regelt zwar den Stereoausgang als PCM-Kanal, aber am Gerät selbst gibt es einen echten Regler für die Lautstärke sowie einen einigermaßen akzeptablen Ausgang für den Kopfhörer, plus Cinch-Anschlüssen für Eingang und Ausgang in Stereo.
Im Test starteten wir das Gerät mit Qjackctl mit Einstellungen für 10 Millisekunden Latenz. Damit klappen selbst dann vernünftige Aufnahmen, wenn Musiker vorher aufgenommenes Material synchron begleiten. Nutzen Sie den RasPi als Musikinstrument, ist eine ausreichend niedrige Verzögerung noch wichtiger. Mit dem verwendeten Setup war es kein Problem, die in Waveform eingebauten Synthesizer und Effekte live zu nutzen.
Gekaufte Pakete laden Sie nach Bedarf herunter, wobei Sie sich die gewünschte Plattform selbst aussuchen. Die Lizenz gilt jeweils für alle Plattformen. Wer also in der Band Kollegen hat, die unbedingt bei Windows bleiben wollen, oder wer im Proberaum auf dem RasPi aufgenommene Sessions zu Hause auf dem Linux-PC bearbeiten möchte, der nimmt die Projekte einfach auf einem USB-Stick mit und setzt die Arbeit an anderer Stelle fort.
Die Webseite ist zwar aufwendig und spektakulär gestaltet, aber einigermaßen verworren: So erschließt sich nicht auf den ersten Blick, wo und wie Sie an die für den Collective Sampler angebotenen Sample-Pakete herankommen. Diese bietet die Firma zwar nicht explizit für ARM an, sie lassen sich aber unabhängig von der Plattform nutzen.
Einige Samples stehen im installierten und registrierten Waveform 9 bereits beim ersten Start zum Herunterladen bereit. Die Download-Liste nutzt aber eine durchaus zweifelhafte Technik: Nach einem Klick auf Download sucht die Software im Hintergrund mit dem (in vielen Systemen wenig gepflegten) XDG-Tool eine für ZIP-Dateien registrierte Anwendung. Findet sich keine, dann passiert auch nichts. Selbst eine Fehlermeldung bleibt aus; dass irgendetwas nicht stimmt, sehen Sie nur in einem Terminal.
In KDE Plasma ist Ark für Zip registriert und öffnet sich beim Klick auf den Download für die Sample-Pakete. Anschließend passiert jedoch scheinbar nichts. Der Grund: Das reichlich 2 GByte große Paket – für solche Sammlungen nicht ungewöhnlich – muss erst komplett in einem temporären Verzeichnis ankommen. Solange wartet Ark tatenlos und zeigt erst nach etwa 10 Minuten den Inhalt an. Von dort aus ziehen Sie ihn ohne Weiteres in ein Verzeichnis unter ~/Tracktion/ (Abbildung 2).

Abbildung 2: In KDE Plasma unter Ubuntu 16.04 zeigt Ark nach dem Abschluss des 2,4 GByte großen Downloads endlich den Inhalt des versprochenen Sample-Pakets für Collective an.
Etwas weniger abenteuerlich verlaufen die Downloads und Installationen einiger anderer zusätzlicher Pakete, wie etwa der Drumloop-Sammlungen, die Sie einzeln im Webbrowser herunterladen.
Wirklich ernste Probleme traten bei den vielen Installationsschritten aber nicht auf. Abhängig von der Internet-Verbindung haben Sie nach etwa ein bis zwei Stunden die Installation und das Registrieren für das ganze Paket aus Waveform und mehreren Gigabyte Vorlagen erfolgreich abgeschlossen.
Da das zwangsweise Öffnen der Downloads mit einem ZIP-Programm dem Arbeitsspeicher zusetzt und KDE Plasma oder Gnome nicht unbedingt die idealen Desktop-Umgebungen für den RasPi darstellen, empfiehlt es sich, die Pakete auf einem Linux-PC herunterzuladen.
Anders als bei den DEB-Paketen von Bitwig oder dem Installer von Ardour legen die DEB-Pakete von Tracktion die Software nicht nach /opt/, sondern ins Verzeichnis /usr/. Waveform selbst liegt unter dem Namen Waveform9 in /usr/bin/, was es gegebenenfalls ermöglicht, Waveform8 zu behalten. Allerdings warnt die neuere Version davor, neu bearbeitete Projekte noch einmal mit der älteren zu öffnen.
Wave-Editing
Waveform 9 ist ein Sequencer, weniger ein Tonbandgerät. Noch mehr als bei Tracktion steht das Erzeugen und Arrangieren von Loops im Vordergrund. Allerdings ist es möglich, mit Waveform ganz klassisch spielende Musiker auf Tonspuren aufzunehmen. Solche Aufnahmen bedürfen meist einiger Nacharbeit in Form von Schnitt und Politur mit Effekten.
Spezielle Werkzeuge für die Maus, wie Ardour oder Audacity sie für den Schnitt anbieten, kennt die Software nicht. Das erledigen Sie durch Verschieben der kleinen Pfeile im oberen Rahmen von Clips bei gehaltener Maustaste. Mit einem Druck auf [S] teilen Sie den Clip an der Position des Cursors.
Haben Sie eine Aufnahme aufgeteilt, gilt es meist, Atemgeräusche, witzige Bemerkungen und Ähnliches am Anfang und Ende der Aufnahme zu entfernen. Dazu wählen Sie einfach den Clip aus, setzen dann den Play-Cursor an die gewünschte Stelle und drücken [S]. Die so abgeschnittenen Teile markieren und löschen Sie anschließend. Vorsicht: Nach dem Schnitt sind automatisch beide Teile markiert und reagieren beide auf Aktionen wie Entfernen und Kürzen/Verlängern.
Für präzise Schnitte ist es nicht unbedingt erforderlich, das Einrasten auf Zählzeiten abzuschalten. Waveform unterstützt adaptives Snapping, was bedeutet, dass das Raster für die Snapping-Funktion bei stärkerer Vergrößerung feiner ausfällt. Falls ein Schnitt nicht an der genau richtigen Stelle einrastet, vergrößern Sie mit dem Mausrad auf der unteren Laufleiste die Stelle und bekommen so die einrastenden Ränder des Clips fast immer an genau die richtige Stelle.
Schön, aber launisch
Wie seine Vorgänger integriert sich Waveform 9 sehr gut in Linux: Die Audioverbindungen zu Jack und die MIDI-Geräte des Alsa Sequencers richtet es automatisch so ein, wie das schon für Waveform 8 der Fall war. Neu ist eine Rückfrage zum Senden von Diagnose- und Nutzungsdaten an den Hersteller, die nur beim ersten Start erscheint. Unter Einstellungen | Maintenance geben Sie die Erlaubnis nachträglich oder ziehen sie wieder zurück.






