Aus Raspberry Pi Geek 10/2017

Editorial 09-10/2017

Rätselhaft

Jörg Luther

Angesichts der IT-Bildungsmisere an deutschen Schulen stellt sich die Frage, warum die Politik nicht die Chancen nutzt, die der Raspberry Pi und die dahinterstehende Stiftung bieten.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Deutschland verkommt zunehmend zum Entwicklungsland, vor allem in digitaler Hinsicht. Sämtliche großspurig über Globalisierung, Digitalisierung und Wettbewerbsfähigkeit schwadronierenden Regierungen der letzten 25 Jahre haben hier vor allem an einer Stelle fatal versagt: bei der schulischen Ausbildung.

Einschlägige Untersuchungen bescheinigen den deutschen Schülern eine digitale Kompetenz, die sich im internationalen Vergleich bestenfalls noch als Mittelklasse apostrophieren lässt [1]. So stellte die ICILS-Studie [2] fest, dass von rund 2000 Achtklässlern aus 142 deutschen Schulen nur 1,5 Prozent die oberste der fünf möglichen Kompetenzstufen erreichten. Knapp ein Drittel der Probanden blieb auf den beiden untersten Stufen hängen, deren Anforderungen kaum über Copy & Paste aus dem Internet hinausgehen. Damit bewegt sich Deutschland international auf einem Level mit südamerikanischen oder südostasiatischen Zweite-Welt-Staaten, weit hinter Industrienationen wie Kanada oder Südkorea.

Sind deutsche Kinder dümmer als junge Australier, Tschechen oder Norweger? Sicher nicht. Zum einen mangelt es an der Ausstattung der Schulen: Im Bundesschnitt müssen sich 11 Schüler einen (meist veralteten) Rechner teilen, die Lehrer klagen über unzureichenden Internet-Zugang und instabile Verbindungen. Zum anderen hat die Politik die angemessene Gewichtung des Themas ebenso verschlafen wie die Ausbildung der Lehrkräfte. Das Fazit von Experten zu diesem Thema lautet denn auch, dass die Schüler heute “Computerkenntnisse trotz Schule” erwerben [3].

Dass das so nicht bleiben kann, fällt offenbar mittlerweile sowohl der Politik als auch der Wirtschaft auf. In schönster Einmütigkeit mit Microsoft und Google präsentiert das Bundeswirtschaftsministerim für das richtig erkannte Problem die falsche Lösung: den Calliope [4]. Der ist wohl eine schöne Experimentierplatine, aber eben auch nicht mehr [5]. Zwar existiert Schulungsmaterial dazu, jedoch nicht allzu viel und auch nur verstreut. Wozu das Ganze?

Es gibt einen Kleinrechner, der von vorne herein für Bildungszwecke entworfen wurde und den eine Stiftung mit entsprechender Ausrichtung unterstützt. Dessen neuestes Modell kostet dank millionenfacher Verbreitung gerade einmal 35 Euro, erlaubt aber das Durchspielen von Szenarien vom simplen Elektronikaufbau bis hin zum vollwertigen Desktop-Einsatz. Der SBC hat sich rund um die Welt bewährt, zahllose Anbieter offerieren preiswertes Zubehör. Der Mini-Computer unterstützt eine Vielfalt unterschiedlichster, freier Plattformen. Die Rede ist natürlich vom Raspberry Pi.

Im Schuleinsatz könnte der RasPi sogar das schlimmste Versäumnis der deutschen Bildungspolitik kompensieren, die mangelnde Ausbildung der Ausbilder. Kürzlich haben sich die Raspberry Pi Foundation und CoderDojo zusammengetan [6], eine internationale Vereinigung von Programmierclubs für 7- bis 17-Jährige, getragen von Freiwilligen. Auch in Deutschland gibt es bereits mehr als zwei Dutzend CoderDojos von Hamburg bis München und Wiesbaden bis Berlin [7]. Dort könnten sich deutsche Lehrer bei Experten aus der Praxis vor Ort schlau machen, um das erworbene Wissen dann an ihre Schüler weiterzugeben. Warum die deutsche Politik eine solche Steilvorlage ebenso ignoriert wie eine bereits millionenfach bewährte Hardware, und stattdessen versucht, mit dem Calliope das Rad neu zu erfinden, bleibt ein Rätsel.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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