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Aus Raspberry Pi Geek 04/2017

Editorial 03-04/2017

Rollenwandel

Jörg Luther

Die breite Öffentlichkeit nimmt den Raspberry Pi allem als Bastelrechner wahr – doch spätestens seit dem Erscheinen des RasPi 3 gilt das nur noch bedingt. Dass der Mini-PC auch einen hervorragenden Desktop und sogar Server abgibt, erkennt jetzt auch die Industrie.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in der breiten Öffentlichkeit wird der Raspberry Pi – soweit man ihn denn überhaupt kennt – nach wie vor allem als Rechner für Bastler wahrgenommen. Für einen RasPi der ersten Generation oder einen Pi Zero stimmt das sogar, schon bei einem Raspberry Pi 2 trifft es nur noch bedingt zu. Der RasPi 3 hingegen erscheint für den schnöden Einsatz als Embedded-System zum Messen, Regeln und Steuern schon fast zu schade, handelt es sich doch um nichts weniger als einen kompletten PC im Handflächenformat. Zudem liefert er seine beachtliche Leistung völlig lautlos ab, was ihn zum angenehmen Gesellen für den Einsatz im Wohn- oder Arbeitszimmer macht. Dass dank seines integrierten WLAN-Interfaces dabei auch noch das Ziehen lästiger Strippen flachfällt, schadet in diesem Kontext auch nicht gerade.

Tatsächlich setze ich selbst den RasPi 3 zu Hause täglich quasi als Thin Client ein – ich tippe diesen Text gerade auf einem. Mein Notebook, das mir früher als Arbeitsrechner diente, bleibt jetzt tatsächlich dem mobilen Einsatz vorbehalten. Dass der RasPi aufgrund seines geringen Strombedarfs bedenkenlos rund um die Uhr laufen kann, prädestiniert ihn geradezu zum praktischen Arbeitstier: Das lästige Booten des Rechners fällt komplett flach, wie ein Smartphone und Tablet steht der Mini-PC jederzeit auf Knopfdruck zum Arbeiten bereit. Ein leistungsstarker, leiser Rechner, der rund um die Uhr seine Dienste bereithält – da klingelt doch was? Ist das nicht die klassische Beschreibung eines Servers? Auch auf diesem Gebiet kann der Raspberry Pi voll punkten, trotz seiner architektonischen Beschränkungen hinsichtlich des Busses.

Hier kommen vor allen Dingen Aufgaben infrage, für die der kleine Rechner keine großen Datenmengen von und auf Massenspeicher bewegen muss. Davon gibt es in einem typischen Heimnetz mehr als genug. Etwa das Ausfiltern lästiger Werbung aus Webseiten für alle Rechner im LAN, inklusive der mobilen Geräte (siehe Artikel ab Seite 46). Oder die Betätigung als zentraler VPN-Gateway, über den sich die Internet-Verbindungen aller Systeme im Netz abhörsicher und mit gutem Schutz der Privatsphäre abwickeln lassen (Seite 32). Aber auch anspruchsvollere Aufgaben kann der RasPi durchaus übernehmen – etwa als E-Mail-Zentrale für alle mobilen und stationären Rechner im Netz (Seite 52) oder als Lieferant für Web-Dienste bei voller Kontrolle über die eigenen Daten (Seite 40).

Auch die IT-Branche hat inzwischen erkannt, dass der Raspberry Pi mit seiner dritten Generation in bislang klassische PC-Einsatzgebiete eindringt. Dazu trägt nicht zuletzt seine leistungsstarke 64-Bit-CPU bei, die unter Raspbian nur quasi mit angezogener Handbremse im 32-Bit-Modus läuft. Jetzt springt mit Suse ein erster Anbieter aus der Industrie auf den Zug auf: Das Unternehmen hat sein Enterprise Linux für den RasPi angepasst und bietet mit dem quelloffenen Ableger OpenSuse Leap 42.2 auch eine hervorragende Testmöglichkeit für jedermann (siehe Artikel ab Seite 20). Hier schließt sich aber auch wieder der Kreis zum Bastelrechner: Wer etwas Handarbeit nicht scheut, kann durchaus auch im Eigenbau seinen RasPi 3 unter Raspbian mit einem angepassten Kernel im 64-Bit-Betrieb ausreizen. Wie das funktioniert, zeigt ein Artikel ab Seite 78.

Genau das ist das Schöne an freier Software und offener Hardware: Sie haben als Benutzer immer die Wahl – das kann man leider nicht von allen Plattformen und Betriebssystemen sagen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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