Aus Raspberry Pi Geek 12/2022

Editorial RPG 12/2022-01/2023

Mangelware

Thomas Leichtenstern

Einplatinencomputer wie der RasPi sind derzeit nicht nur extrem teuer, sondern in einem vernünftigem Zeitrahmen nur schwer zu bekommen. Mit der Frage, warum das so ist und wie es weitergeht, beschäftigt sich dieses Editorial.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

den meisten von Ihnen fiel sicher auf: Die Preise für SoC-Rechner, zu denen auch der RasPi gehört, schießen seit Monaten durch die Decke. Möchten Sie beispielsweise einen RasPi 4 mit 4 GByte Hauptspeicher erwerben, haben Sie aktuell die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder Sie warten vier bis fünf Monate und bekommen ihn für etwa den doppelten Preis, den er noch vor einem Jahr (etwa 60 Euro) gekostet hat. Oder Sie möchten nicht so lange warten, dann müssen Sie noch tiefer in die Tasche greifen. In dem Fall rufen die Händler nämlich mindestens 180 Euro auf. Welche bizarren Blüten die Knappheit treibt, zeigt sich auch am Beispiel bei einigen Firmen, die Chips aus Alltagsgeräten wie Waschmaschinen auslöten, um ihre eigene Produktion aufrechtzuerhalten.

Die Gründe dieses Preiswahnsinns sind vielfältig. Einer der Hauptauslöser war und ist die speziell in China anhaltende Corona-Krise, die Produktionsstätten und Häfen teils für Monate lahmlegte. Durch die enge Verzahnung der Weltwirtschaft geriet damit die ganze Halbleiterbranche in Schieflage, die obendrein die US-amerikanische China-Politik noch verschärfte. Zwar gilt die Chipkrise inzwischen in Teilen als überwunden, an der Marktlage des Raspberry Pi ändert das spontan jedoch kaum etwas. Laut Eben Upton, dem Gründer von Raspberry Pi, liegt das an der seit Anfang 2021 gestiegenen Nachfrage an den Einplatinenrechnern, gepaart mit dem Mangel an Bauteilen.

Darüber hinaus bedient die Foundation aktuell vorwiegend das OEM-Geschäft, damit vom Produkt abhängige Firmen nicht in Not geraten. Chargen für den Einzelhandel sind und bleiben vorerst Mangelware. Als weiteren Grund nannte Upton den Einsatz von Bots, die automatisiert in großem Stil Lagerbestände aus dem Netz aufkaufen, um sie danach zu überhöhten Preisen weiterzuverkaufen. Um dem entgegenzuwirken führten viele zugelassene Wiederverkäufer deswegen Limits für den Kauf einzelner Einheiten ein. Adafruit geht als Beispiel noch einen Schritt weiter und erzwingt bei jedem Kauf eine Zwei-Faktor-Authentifizierung. Upton rät auch den lizenzierten Wiederverkäufern, diese Methode in Betracht zu ziehen, um die Lage zu entspannen und mittelfristig für moderatere Preise zu sorgen.

In der nächsten Ausgabe widmen wir dem Thema einen eigenen Artikel, der sich näher mit den Umständen und einer Zukunftsprognose beschäftigt.

Herzliche Grüße,

Thomas Leichtenstern

Redakteur

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