Fotografie gehört zu der Sorte von Hobbys, bei denen man nicht auf das Preisschild der Ausrüstung schauen darf. Die Raspberry Pi HQ Cam schafft jedoch auch bei kleinem Geldbeutel viel Raum für Experimente, freut sich Redakteur Christoph Langner.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
was musste mein armer Geldbeutel schon für das Hobby Fotografie bluten: Über 1000 Euro für diverse Generationen der gewohnten digitalen Spiegelreflexkamera. Verschiedene Glasbausteine vom gefühlten Gewicht eines gut gefüllten Einkaufsbeutels und dem Preis eines TÜV-tauglichen Gebrauchtwagens. Dazu das reichhaltige Zubehör, das auf den ersten Blick zwar günstig erscheint, aber in der Summe doch wieder einen stattlichen Preis hat.
Bei Anschaffungen schiele ich zwar auf High-End-Geräte, greife allerdings in der Regel zur Mittelklasse, die in meinen Augen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet. Vollformatkameras, Objektive mit dem markanten roten Ring – eher ein Traum als bezahlbare Realität. Spätestens bei Kameras wie der neuen Canon EOS R5 [1] legt sich dann das Verlangen nach einem neuen Spielzeug. Bei einem Kostenpunkt von über 3000 Euro fällt mir kein Argument ein, die Ausgabe zu rechtfertigen. So bleibt die Fotografie-Oberklasse eher doch etwas für Profis, die mit solchen Geräten ihr Geld verdienen.
Für uns Bastler tun sich jetzt allerdings mit der Raspberry Pi HQ Camera ganz neue Möglichkeiten auf. Wer hätte gedacht, dass es zum Preis einer ordentlichen Webcam einmal eine Kamera mit der Möglichkeit gibt, die Objektive zu wechseln. Dank der Vielzahl an Adaptern für C/CS-Mounts lässt sich so gut wie jedes Glas vor die HQ Cam bauen, von der Tilt-Shift-Linse bis zum Superteleobjektiv. Da die neue Kamera keinen Autofokus kennt und auch die Blende von Hand eingestellt werden muss, lohnt es sich, im Fundus nach alten Linsen mit interessanten Abbildungseigenschaften zu graben und zu experimentieren.
Mit einem fliegenden Aufbau aus einem akkubetriebenen RasPi, HQ Cam, WLAN-Router und Smartphone (als Ersatz für einen optischen Sucher) fühlt man sich fast wie einer der ersten Fotopioniere mit Balgenkamera und Blitzlichtpulver. Und man erregt bei Passanten mehr Aufmerksamkeit als mit der neusten Canon samt High-End-Objektiv – neugierige Fragen sind garantiert. Aufgrund der vielen Parameter und schwierigen Kontrollmöglichkeiten bleibt die Spannung bis zum Entwickeln der Aufnahmen auf dem Rechner erhalten: Habe ich richtig scharf gestellt? Stimmte die Blende? Auch das erinnert noch ein wenig an analoge Zeiten, in denen man das Ergebnis seiner Arbeit erst beim Entwickeln begutachten konnte.
Zwar fehlt Raspberry Pi OS noch eine ausgewachsene Kameraapplikation, doch Open-Source-Anwendungen wie die PiCameraApp [2] zeigen schon einmal, wohin die Reise geht. Bei all der Schwärmerei sollten Sie allerdings nicht vergessen, worauf Sie sich bei der Anschaffung einer HQ Cam einlassen: Von einer Point-and-shoot-Kamera ist sie so weit entfernt wie der RasPi von einer Playstation. Einfach anschalten und losknipsen klappt nicht. Doch genau darin liegt der Reiz – zumindest für experimentierfreudige Zeitgenossen. Genau zu dieser Art von Mensch gehören die meisten Raspberry Pi Geeks eben.
Herzliche Grüße,
Christoph Langner
Redakteur
Infos
- Canon EOS R5: https://www.canon.de/cameras/eos-r5
- PiCameraApp: https://github.com/Billwilliams1952/PiCameraApp


