Der Chipmangel lähmt ganze Teile der IT-Industrie, nur langsam geht es wieder bergauf. Gilt das auch für den Raspberry Pi?
In Zeiten des Überflusses kannten viele den Begriff Knappheit höchstens vom Hörensagen aus der ehemaligen DDR. Im Westen Deutschlands gab es so etwas seit Jahrzehnten nicht mehr – bis vor knapp drei Jahren. Viele erinnern sich sicherlich noch an die Toilettenpapierknappheit zu Anfang der Corona-Epidemie. Heute liest man jeden Tag in der Presse, was sich alles verknappt oder in absehbarer Zeit verknappen wird, sei es Gas, Medikamente oder Speiseöl. Das öffnet Spekulanten Tür und Tor, die zeitnah die Preise hochziehen oder das Angebot sogar künstlich weiter einschränken. Da machen Mikrochips fast aller Couleur keine Ausnahme. Welche Rolle Kryptowährungen dabei spielen, erläutert der Kasten “Einfluss der Kryptowährungen”.
Die Verknappung von Halbleitern betrachten alle Unternehmen mit zunehmender Sorge, die in irgendeiner Weise von IT respektive der Lieferung von Mikrochips abhängen. Die Preise steigen, das Angebot schrumpft – stellenweise auf null. Einige Firmen gehen inzwischen dazu über, bereits verbaute Chips aus Fremdgeräten auszulöten, um die eigene Produktion aufrechtzuerhalten.
Einfluss der Kryptowährungen
Zwar spielen Kryptowährungen in der aktuellen Chipkrise auch eine Rolle, allerdings in erster Linie für Anwender, die rechenstarke Grafikkarten benötigen. Der Grund dafür: Schnelle GPUs eignen sich hervorragend für das Bitcoin-Mining. Das sorgte dafür, dass die Preise für leistungsstarke Grafikkarten in den letzten Jahren massiv anstiegen. Nvidias Flaggschiff-Modelle kosten mittlerweile mehr als 2000 Euro. Da das Generieren von Bitcoins reichlich Energie benötigt, gleichzeitig aber die Strompreise stetig steigen, lohnt sich diese Art der (zweifelhaften) Wertschöpfung immer weniger. Damit dürften in absehbarer Zeit auch die Preise für Grafikkarten wieder sinken.
Einfluss der Pandemie
Den nachhaltigsten Einfluss auf das Geschehen rund um die Halbleiterfertigung nahm die Corona-Pandemie ab Februar 2020. Die anfängliche Panik führte dazu, dass so gut wie alle großen Wirtschaftsnationen ihre Bürger für Wochen und Monate unter Quarantäne stellte. Entsprechend brach die Produktion von Mikrochips massiv ein, Lieferketten wurden unterbrochen und die Produktion aufgrund der sinkenden Nachfrage zurückgefahren. Letzteres hing damit zusammen, dass viele Autobauer aufgrund der unsicheren Auftragslage ihre Bestellungen stornierten, was zur Folge hatte, dass auch die Halbleiterzulieferer ihre Produktion drosselten – eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellte.
Da die Bevölkerung jetzt mehr oder weniger in ihren eigenen vier Wänden festsaß, explodierte schlagartig die Nachfrage nach Consumer-Produkten wie Spielkonsolen, TV-Geräten und fürs Homeoffice benötigte IT-Produkte. Darüber hinaus stieg im Sommer 2020 für viele unerwartet auch noch die Nachfrage nach Individualverkehrsmitteln. Da die Unterhaltungsindustrie aber einen großen Teil der Chips bereits aufgekauft hatte, entstand plötzlich ein für die meisten nicht vorhersehbarer Engpass.
Die Volksrepublik China gilt als einer der wichtigsten Exportländer von Halbleitern aller Art. Gerade dort wurden aufgrund der Epidemie seit 2020 immer wieder wichtige Handelshäfen zum Teil für viele Wochen mehr oder weniger komplett lahmgelegt; Ähnliches gilt für in China ansässige Fabriken. Eine besondere Rolle spielte dabei der Lockdown der Region Xi’an Ende 2021: Sie gilt als das Herz der chinesischen Mikrochip-Produktion.
Hinzu kam, dass im Februar 2021 eine extreme Kältewelle in den USA für großflächige Stromausfälle sorgte, die auch den Halbleiterhersteller NXP Semiconductors in Texas betrafen [1]. Dort stoppte nicht nur die Produktion, der abrupte Energieverlust beschädigte auch diverse Produktionsmaschinen. Damit fiel einer der wichtigsten Chiphersteller für den Automobilsektor aus.
Kurz darauf, im März 2021, brannte es beim Halbleiterhersteller Renesas in Japan [2], ebenfalls wichtiger Zulieferer von Halbleitern. Das spannte die Situation weiter an, und der Engpass begann sich zu einer ernst zu nehmenden Chipkrise auszuweiten.
Politisch indiziert
Aber auch andere Gründe befeuerten den aktuellen Halbleitermangel. Bereits 2019 hatten die USA massive Sanktionen gegen die Volksrepublik China beschlossen, die auch die Halbleiterfertigung betrafen. So wurde etwa der Export von EUV-Belichtungssystemen und DUV-Systemen in die VR China untersagt, was zunächst dazu führte, dass die Chinesen vor Inkrafttreten so viel wie möglich dieser Technologie auf Halde kauften.
Darüber hinaus verwehrten die neuen Regeln für die Ausfuhrkontrolle den Chinesen unter anderem den Zugang zu bestimmten Halbleiterchips, die weltweit mit US-Geräten produziert werden. US-Experten gehen davon aus, dass dieser Schritt die Volksrepublik bei der Entwicklung von Halbleitern sowie der Herstellung von Hochleistungs- und Supercomputern um Jahre zurückwirft.
Gleichzeitig legt die Europäische Union mit dem EU Chips Act [3] immense Förderprogramme auf, um die Chipindustrie so weit wie möglich ins eigene Revier zu holen und sich damit vor internationalen Unwägbarkeiten besser zu schützen. Mit dem Chips and Science Act [4] startete die USA ein sehr ähnliches Programm mit vergleichbaren Zielen. Mit 52 Milliarden US-Dollar will die amerikanische Regierung die lokale Halbleiterfertigung stärken.
Das Problem dabei: Der Bau einer Chipfabrik ist nicht nur exorbitant teuer, sondern es dauert auch mindestens drei Jahre, bevor sie den Betrieb aufnehmen kann. Angesichts der volatilen Gesamtsituation lässt sich kaum prognostizieren, wie sich der Markt bis dahin entwickelt. Entsprechend zurückhaltend agieren die Firmen – aus Unternehmenssicht nachvollziehbar. Für die Abnehmer stabilisiert sich der Markt damit allerdings nicht.
Heiter bis wolkig
Eben Upton, CEO der Raspberry Pi Ltd., sieht inzwischen eine Entspannung bei der Verfügbarkeit der Minirechner, doch es gibt einen Wermutstropfen: Aufgrund der gestiegenen Produktionskosten erhöht die Raspberry Pi Foundation die Preise merklich. So kostet der RasPi Zero zukünftig 10 statt 5 US-Dollar, der Zero W schlägt mit 15 statt 10 US-Dollar zu Buche. Laut Upton fing die Foundation die erhöhten Produktionskosten bislang mit einer verringerten Marge auf. Nun sei jedoch ein Punkt erreicht, an dem das Unternehmen mit den bisherigen Preisen für den Zero ins Minus rutschen würde.
Eine Absage erteilte Eben Upton zudem in einem Youtube-Interview den Hoffnungen vieler Anwender auf ein neues RasPi-Flaggschiff-Modell für 2023. Als Begründung gab er an, dass die Foundation das Jahr 2023 als Erholungsjahr von der Corona-Pandemie und dem damit einhergehenden Chipmangel nutzen wolle. Zuerst gelte es, die Produktion des Bestands wieder hochzufahren, um den Lieferengpass zu beheben. Die Entwicklung eines RasPi 5 würde die Kapazitäten behindern, beispielsweise beim Zusammenbau der SBCs. Die Foundation plant laut Upton, mit der Entwicklung des Fünfer-Modells im zweiten Quartal 2023 zu beginnen. Als voraussichtlichen Liefertermin nannte er 2024 [5].
Lichtblick
Trotz dieser Einschränkungen stabilisiert sich laut der Raspberry Pi Foundation [6] die Produktions- und Liefersituation rund um den britischen Kleinrechner zunehmend. Eben Upton, der Vater des Raspberry Pi, stand der Redaktion unmittelbar vor Weihnachten 2022 in einem Interview Rede und Antwort.






