Aus Raspberry Pi Geek 04/2021

Editorial 03-04/2021

Abgehängt

Christoph Langner

Google plant in Zukunft tief greifende Änderungen an der Code-Basis des Chrome-Browsers Chromium, der auch beim Raspberry Pi als Standardbrowser zum Einsatz kommt. Der Abgleich von Bookmarks und Passwörtern wie auch Adblocker werden in Zukunft nicht mehr so funktionieren wie gewohnt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

seit über fünf Jahren setzt das offizielle Raspberry Pi OS (früher Raspbian) auf Chromium als vorinstallierten Browser [1]. Der Wechsel zu Chromium war damals ein relativ großes Ding, da dem zuvor genutzten Epiphany-Browser viele wichtige Funktionen fehlten, wie etwa die Möglichkeit, Erweiterungen zu installieren. Die RasPi-Entwickler achten zudem darauf, dass Chromium gut auf dem Raspberry Pi funktioniert, und bringen oft aktiv eigenen Code in das Projekt ein.

Nun ist Chromium nicht irgendein Browser: Das Programm ist im wahrsten Sinne des Wortes die Mutter aller (oder zumindest sehr sehr vieler) Browser. Ob Google Chrome, Opera, Brave, Vivaldi, Yandex oder inzwischen auch Microsofts Edge-Browser: Unter der Haube all dieser Programme steckt die Codebasis von Chromium. Möglich wird das durch das Open-Source-Entwicklungsmodell. Ähnlich wie beim Betriebssystem Android stellt Google den Quellcode zu Chromium kostenlos zur Verfügung. Lizenzen wie die MIT-Lizenz oder die LGPL erlauben dann anderen Projekten, den Code wiederzuverwenden und an ihre eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Google profitiert durch die breite Nutzerbasis und vereinfachte Entwicklungsarbeit. Zudem gewinnt das Unternehmen noch mehr Macht, um Webstandards im Sinne der eigenen Interesse durchzusetzen. Manchmal führt das zu etwas Gutem: So drückte Google HTML5 in den Markt und machte dadurch Browser-Plugins wie das berüchtigte Adobe Flash obsolet. In der Regel zieht jedoch primär Google einen Vorteil aus seiner Macht: Mit Chrome 80 möchte Google zum Beispiel die API-Schnittstelle limitieren, über die Adblocker Anzeigen und Tracker aus dem Datenstrom filtern [2]. Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, warum Google den Punkt ganz oben auf seine Wunschliste setzt.

Nun bietet Chromium einen weiteren Vorteil. Über Google Sync lassen sich Einstellungen, Lesezeichen oder die installierten Erweiterungen mithilfe der Google-Cloud über verschiedene Rechner oder mobile Geräte hinweg sowie mit dem ausgewachsenen Chrome-Browser abgleichen. Nicht jeder Anwender findet jedoch die Integration der über 20 Google-Dienste [3] vorteilhaft: Daher steigen viele Nutzer auf eine “Ungoogled”-Version des Chromium-Browsers [4] oder Alternativen wie etwa Brave [5] um. In der Regel finden sich diese Browser jedoch nicht in den Paketquellen von Pi OS. Auch die Projekte selbst pflegen meist keine Variante für die ARM-Architektur des Raspberry Pi.

Nun bietet Google mittlerweile wohl ungern Dienste für Produkte an, auf denen nicht Google steht. So nimmt das Unternehmen Ihnen ab dem 15. März die Entscheidung ab, ob Sie Google-Dienste wie Sync oder die Safe-Browsing-Funktion verwenden möchten: Ab dem Stichtag kann und darf nur noch Googles hauseigener Chrome-Browser diese API-Funktionen verwenden [6]. Das sperrt selbst Google-freundliche Nutzer des Raspberry Pi von Google Sync und Co. aus, da es nach wie vor keine ARM-Variante des Chrome-Browsers gibt.

Wundern Sie sich also nicht, wenn ab Mitte März der Browser auf einmal Passwörter oder Bookmarks nicht mehr synchronisieren möchte. Alle Einsprüche der Linux-Community prallten bislang von den Chromium-Entwicklern ab: “I’m sorry to be the bearer of unwelcome news, but this change will indeed happen.” [7] Die Stimmung der Diskussion ist hitzig und der Ton oft nicht gerade freundlich. Uns als Nutzern bleibt vorerst nichts anderes übrig, als mit den Füßen abzustimmen. Andere Mütter haben auch hübsche Kinder, respektive Browser: Firefox bietet ebenfalls eine Sync-Funktion und läuft auf allen gängigen Betriebssystemen. Vielleicht ist es an der Zeit, die Entscheidung für Chromium als Standardbrowser zu überdenken.

Bleiben Sie gesund,

Christoph Langner

Redakteur

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