Aus Raspberry Pi Geek 10/2019

DVB-T2 mit dem H.265-Codec auf dem RasPi 3B+ (Seite 3)

So ausgerüstet, sollten Sie eine längere Aufnahme abspielen. Normalerweise liegt der CPU-Takt bei 1400 MHz. Steigt die Temperatur über 70 Grad, sollten Sie hier ein kurzzeitiges Heruntertakten beobachten können. Ebenso erscheint oberhalb von 80 Grad oben rechts im Bild ein halb gefülltes Thermometer, ab 85 Grad ist es dann komplett rot gefüllt.

Abbildung 4: Das Skript <code>status.sh</code> gibt laufend die an der CPU gemessenen Temperaturen (hier in einem Geh&auml;use) auf dem Bildschirm aus.

Abbildung 4: Das Skript status.sh gibt laufend die an der CPU gemessenen Temperaturen (hier in einem Gehäuse) auf dem Bildschirm aus.

Mit niedrigerem Systemtakt leidet auch die Bildqualität, insbesondere, wenn die Temperatur über 85 Grad steigt und der RasPi härter herunterregelt. Der Raspberry Pi benötigt zum Abspielen von H.265-Material also auf jeden Fall eine gute Belüftung.

Kampf dem Wärmetod

Die einfachste Lösung wäre es, den eingesetzten RasPi offen zu betreiben, idealerweise sogar senkrecht ausgerichtet. Von Western Digital gab es früher ein schönes Gehäuse dafür (Abbildung 5), das auch noch Platz für eine Festplatte bot. Alternativ finden Sie auf diversen 3D-Druck-Plattformen entsprechende Lösungen. Beispiele wären die bei Thingiverse [6] demonstrierten Halter [7] und Gehäuse [8].

Abbildung 5: Das WDLabs-Geh&auml;use f&uuml;r RasPi und Festplatte eignet sich als St&auml;nder, der hilft, die Abw&auml;rme des Raspberry&nbsp;Pi abzutransportieren.

Abbildung 5: Das WDLabs-Gehäuse für RasPi und Festplatte eignet sich als Ständer, der hilft, die Abwärme des Raspberry Pi abzutransportieren.

Eine leistungsfähigere Variante wäre der Einsatz von passiver oder aktiver Kühlung. Bei den angebotenen Kühlkörpern sollten Sie allerdings aufpassen: Es gibt sie sowohl in einer Aluminiumausführung als auch aus Kupfer. Letzteres leitet die Wärme besser ab. Die üblicherweise vorhandenen Klebepads auf den Kühlkörpern sollten Sie aber entfernen: Entgegen den Angaben der Verkäufer sind diese in aller Regel nicht wärmeleitend.

Besser funktioniert echte Wärmeleitpaste, wie sie bei der Montage von Prozessoren in PCs Verwendung findet. Für den RasPi ist das jedoch nicht optimal, da sich die Kühlkörper nicht anpressen lassen. Ein Kompromiss wäre spezieller Wärmeleitkleber; der ist allerdings recht teuer und sollte auf alle Fälle sparsam aufgetragen werden.

Eine aktive Kühlung lässt sich leicht mit einem kleinen Ventilator (siehe “Ausgepackt” in diesem Heft) umsetzen. Das funktioniert auch mit einem entsprechend geeigneten Gehäuse. Eventuell müssen Sie ein vorhandenes Case leicht bearbeiten oder ein eigenes drucken (lassen).

Ohne Plus

Beim Test des RasPi 3 (ohne das Plus) als Abspieler fällt sofort auf, dass die Hardware deutlich schwächer ist. Ohne Tuning-Maßnahmen ruckelt die Wiedergabe so offensichtlich, dass es ernsthaft stört. Die Einstellungen aus Listing 1 behoben das Problem, allerdings fror der Raspberry Pi damit nach wenigen Minuten ein.

Erst ein Absenken der GPU-Taktfrequenz auf 450 MHz über die Option gpu_freq in der config.txt und der zusätzliche Verzicht auf over_voltage_sdram brachte die notwendige Stabilität bei ausreichender Leistung. Hier kann man sehr viel Zeit bei der Suche nach optimalen Einstellungen verbraten, die zudem für jeden RasPi anders aussehen.

Neben einer höheren Leistung hat die Foundation dem RasPi 3B+ auch eine bessere Wärmeableitung spendiert. Das zeigt sich besonders im direkten Vergleich mit dem RasPi 3. Während das jüngere Modell erst nach mehr als einer halben Stunde in einem völlig geschlossenen Gehäuse die kritische Marke von 80 Grad überschritt, war das beim Pi 3 ohne Gehäuse schon nach wenigen Minuten der Fall.

Kurz vor Redaktionsschluss hat die Foundation überraschend den von vielen sehnlichst erwarteten Raspberry Pi 4 präsentiert – viel früher als vermutet. Einen ausführlichen Testbericht finden Sie in dieser Ausgabe. Die Taktfrequenz der neuen CPU blieb mehr oder minder unverändert, doch das System unterstützt nun ganz offiziell die Wiedergabe von H.265-kodiertem Material. Einen ersten Blick auf die Hardware samt Alphaversion von LibreELEC finden Sie im Kasten “Das kann der RasPi 4 besser”.

Das kann der RasPi 4 besser

Der Raspberry Pi 4 bringt endlich Hardware-Unterstützung für das Dekodieren von H.265-Videos mit, sogar bis zu einer Auflösung von 4Kp60. Damit bleibt die CPU-Belastung beim Abspielen von Videos gering, und die CPU heizt sich weniger stark auf. Allerdings ist die Software noch nicht ganz so weit und unterstützt nicht alles, was die neue Hardware an Möglichkeiten bietet.

Wer aktuell Kodi unter Raspbian “Stretch” auf einem RasPi 3B oder 3B+ betreibt, sollte bei “Stretch” bleiben: Es bringt Kodi in der Version 18.2 mit speziellen Anpassungen für den RasPi mit. Das für den Pi 4 zwingend notwendige “Buster”-Raspbian enthält allerdings nur das alte, unangepasste Kodi 17.6. Die Raspbian-Basis Debian ist zudem immer sehr konservativ bei Paket-Updates. Darüber hinaus fehlt das Tvheadend-Paket – ein weiteres Zeichen, dass die Foundation die neue Hardware etwas überstürzt auf den Markt geworfen hat.

Wollen Sie also schon heute H.265-Videos auf dem RasPi 4 abspielen, müssen Sie zu LibreELEC greifen – und erhalten auch hier nur eine frühe Alphaversion des kommenden Haupt-Releases. Sie finden das aktuelle Image im üblichen Download-Bereich des Projekts. Als Mediaplayer genügt die kleinste Variante des RasPi 4 mit 1 GByte Arbeitsspeicher, Sie müssen also nicht zwingend eine der teureren Varianten wählen.

Mit dem LibreELEC.Image klappt die Wiedergabe von DVB-T2-Aufnahmen ohne Probleme. Auch das Abspielen von MPEG-4-Material (H.264) funktioniert wie gehabt, allerdings im Gegensatz zu H.265 nur bis zur Full-HD-Auflösung. Es soll auch noch Probleme mit 1080i geben, was wir mangels Material nicht testen konnten. Interessanterweise steigt die CPU-Frequenz bei der Wiedergabe von MPEG-4 immer wieder auf 1,5 GHz, während sie bei H.265 bei 600 MHz verweilt.

Die Wiedergabe von MPEG-2-Videos klappt mit der Alphaversion von LibreELEC überhaupt nicht. Dafür fehlt dem neuen RasPi 4 die Hardware-Unterstützung, und obwohl schon der RasPi 3 diesen Codec in Software wiedergeben konnte, ist wohl die Anpassung auf die neue Video-Engine noch nicht abgeschlossen. Es gibt Probleme sowohl mit dem Versatz von Ton und Bild als auch mit ständigem, regelmäßigem Springen des Bilds.

Für einen längerfristigen Stabilitätstest fehlte uns die Zeit. Bei unseren schnellen Tests kamen auch Abstürze vor, aber das verwundert bei Alphaversionen nicht sonderlich. Wenn Sie also sichergehen möchten, behalten Sie Ihren RasPi 3 noch eine Weile als Abspieler, bis die gröbsten Fehler der RasPi-4-Implementation von der Community bereinigt sind.

Fazit

Im Gegensatz zu allen Mythen eignet sich der Raspberry Pi sehr wohl als Abspieler für H.265-kodiertes Material. Im Grunde handelt es sich bei diesen Mythen um eine besondere Ausprägung der Internet-Informationsblase: Eine technisch plausible Aussage reproduziert sich fast von selbst, da jeder diese Information ungeprüft übernimmt, und so verbreitet sich die “Wahrheit”, bis sie zum Allgemeingut wird.

Bei der Recherche für diesen Artikel stieß der Autor auf einige Blog-Beiträge, bei denen die Autoren glaubhafte Versuche mit der Wiedergabe von DVB-T2-Material unternommen hatten und dabei scheiterten. Der Mythos war also tatsächlich einmal wahr: Zum einen gab es zum Start von DVB-T2 den RasPi 3 gerade erst ein paar Monate, zum anderen hat sich LibreELEC/Kodi seitdem massiv weiterentwickelt. Die Unterstützung von HECV gibt es erst seit der relativ neuen 9er-Version der LibreELEC-Standarddistribution. Ein aktuelles Kodi, direkt unter Raspbian installiert, hinkt da noch hinterher: Der Player ignoriert den Videostream komplett und spielt nur den Audioteil ab.

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