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Aus Raspberry Pi Geek 06/2019

Den Raspberry Pi mit Anydesk fernsteuern

© olegdudko, 123RF

So nah und doch so fern

Erik Bärwaldt

Der RasPi kommt häufig als Server oder Steuerrechner für spezielle Zwecke zum Einsatz. Mit Anydesk erhalten Sie dazu eine Steuersoftware mit grafischer Oberfläche.

Sowohl Administratoren als auch engagierte Heimanwender, die Freunden oder Kollegen bei Problemen mit dem PC helfen möchten, nutzen dazu oft Remote-Desktop-Lösungen. Das zu diesem Zweck häufig verwendete Programm Teamviewer [1] krankt dabei an mehreren Stellen, die vor allem in heterogenen, gewachsenen IT-Infrastrukturen Probleme bereiten. So sind die einzelnen Versionen der Software untereinander nicht kompatibel, sodass auf allen beteiligten Rechnern stets dieselbe Version der Applikation installiert sein muss.

Der Einsatz älterer Varianten auf aktuellen Linux-Distributionen scheitert zudem oft wegen veralteter Abhängigkeiten, sodass quasi ein Update-Zwang besteht. Doch es geht auch anders: Das Programm Anydesk [2] möchte diese Defizite bei der Fernsteuerung und Fernwartung von Rechnern vermeiden. Zudem gibt es auch eine Version für den Raspberry Pi, über die sich der Mini-Rechner fernsteuern lässt. Welche Anwendungsszenarien sich daraus ergeben, klärt unser Test.

Anydesk

Die von dem in Stuttgart und Berlin ansässigen Unternehmen Anydesk entwickelte gleichnamige Remote-Desktop-Lösung steht für den privaten Einsatz kostenfrei zur Verfügung. Es gibt die Software in Versionen für Linux (auch auf dem Raspberry Pi), FreeBSD, Mac und Windows [3]. Für den kommerziellen Einsatz fallen Lizenzkosten an, wobei Anydesk dafür verschiedene Lizenzmodelle anbietet.

Die RasPi-Variante lässt sich nahtlos in das Raspbian-System integrieren. Sie weist mit der aktuellen Versionsnummer 2.9.4 zwar nicht denselben Stand auf wie die Linux-Variante (4.0.1), das spielt aber keine Rolle: Die unterschiedlichen Versionen arbeiten auch plattformübergreifend tadellos zusammen.

Anydesk zeichnet sich durch mehrere Innovationen aus: So enthält es mit DeskRT einen eigenen Video-Codec, der sich durch eine hohe Effizienz auch bei geringen Bandbreiten auszeichnet. So erreicht er Bildwiederholraten von 60 fps schon bei mittlerer Bandbreite. Zudem optimierten die Entwickler die Latenzzeiten vor allem im LAN-Umfeld, sodass dort Verzögerungen von maximal 16 Millisekunden auftreten. Die Software arbeitet bereits bei Transfergeschwindigkeiten von 100 kbit/s flüssig – vor allem in ländlichen Gegenden ohne flächendeckendes Breitbandnetz ein Vorteil im Vergleich zum Mitbewerb.

Ein besonderes Augenmerk legten die Entwickler auf das Thema Sicherheit: So verschlüsselt Anydesk die aufgebauten Verbindungen stets mit dem TLS-Protokoll und dem asymmetrischen RSA2048-Verfahren. Außerdem lässt sich durch Whitelists der Zugriff auf Computersysteme einschränken. Die kostenpflichtige Enterprise-Variante erlaubt es zudem, einen eigenen Anydesk-Server aufzusetzen und somit eine autarke Infrastruktur auch ohne Internet-Verbindung zu etablieren.

Erste Schritte

Anydesk steht nicht in den Raspbian-Repositories bereit, Sie müssen die Software von der Webseite des Anbieters herunterladen. Nach einem Klick auf den Dateinamen blendet Raspbian eine Anfrage ein, ob es die Datei installieren soll. Nach einem beherzten Klick auf Installieren richtet der Assistent das Programm ein. Anschließend finden Sie im Menü unter Internet den Starter für AnyDesk (Abbildung 1).

Abbildung 1: Im Startfenster blendet Anydesk automatisch die ID-Nummer ein, mit der sich die Gegenseite authentifizieren muss, um eine Verbindung zu etablieren.

Abbildung 1: Im Startfenster blendet Anydesk automatisch die ID-Nummer ein, mit der sich die Gegenseite authentifizieren muss, um eine Verbindung zu etablieren.

Das Fenster zeigt im oberen Bereich eine neunstellige Teilnehmernummer für den Raspberry Pi an. Bevor Sie aber eine Verbindung herstellen, empfiehlt es sich, die Bedienoberfläche auf die deutsche Lokalisierung umzustellen und eine Grundkonfiguration vorzunehmen. Dazu klicken Sie oben rechts im Programmfenster auf das Liniensymbol und wählen im aufklappenden Kontextmenü Settings. Im Auswahlfeld Language stellen Sie die Sprache ein. Um den Wechsel zu aktivieren, starten Sie das Programm neu. Nach einem erneuten Klick auf das Liniensymbol und der Auswahl von Einstellungen öffnen Sie die Grundkonfiguration erneut.

Unter Sicherheit lassen sich einige Zugriffsrechte auf dem eigenen Bildschirm durch den Partner definieren, etwa der unbeaufsichtigte Zugriff auf den RasPi. In der Kategorie Privatsphäre legen Sie fest, welcher Benutzername und welches Bild beim Herstellen einer Verbindung auf dem entfernten PC erscheinen. Unter Darstellung passen Sie den Darstellungsmodus an die Qualität der Netzverbindung an. Hier legen Sie auch fest, ob der Bildschirm in voller Größe oder skaliert angezeigt wird. Letzteres reduziert die zu übertragenden Datenmengen zuweilen deutlich (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Anydesk-Einstellungsdialog bietet zwar nicht viele, aber alle wirklich wichtigen Optionen.

Abbildung 2: Der Anydesk-Einstellungsdialog bietet zwar nicht viele, aber alle wirklich wichtigen Optionen.

Verbindungen

Um mit Anydesk eine Verbindung zu einem entfernten PC aufzubauen, geben Sie im unteren Eingabefeld die neunstellige ID-Nummer des Zielrechners an. Nach einem anschließenden Klick auf Verbinden nimmt die Software Kontakt auf und informiert Sie darüber in einem eingeblendeten Fenster. Auf dem Zielrechner erscheint währenddessen eine Anfrage an den Nutzer, über die er die Verbindung legitimieren muss. Bestätigt er mit Annehmen, erhalten Sie Zugriff auf den entfernten Rechner.

Dabei erscheint im Programmfenster von Anydesk ein neuer Reiter, in dem Sie den Desktop des entfernten Systems sehen. Mit einem Klick auf Neue Sitzung in der Reiterstruktur des Anydesk-Fensters wechseln Sie wieder in den Startbildschirm zurück, um dort beispielsweise eine Verbindung zu einem weiteren entfernten Computer aufzubauen. Da die einzelnen Desktops der entfernten Rechner nicht in externen Fenstern erscheinen, sondern in den jeweiligen Reitern innerhalb des Anydesk-Fensters, wechseln Sie mit einem Klick zwischen den unterschiedlichen Desktops (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der RasPi-Desktop samt geöffnetem Menü auf einem entfernten Rechner. Über die Reiter oben wechseln Sie zwischen verschiedenen Sessions.

Abbildung 3: Der RasPi-Desktop samt geöffnetem Menü auf einem entfernten Rechner. Über die Reiter oben wechseln Sie zwischen verschiedenen Sessions.

Die Sitzung beendet entweder der Partner am entfernten Computersystem, indem er im Steuerfenster auf den Button Abbrechen klickt, oder Sie schließen dazu den entsprechenden Reiter.

Im Test

Im Testbetrieb gab es mit dem Steuern des RasPi 3 Modell B von einem entfernten Rechner aus über das WLAN keinerlei Probleme. Der Kleinrechner ließ sich nahezu in Echtzeit aus der Ferne dirigieren. Deutlich anders sah es aus, wenn der Mini-Rechner seinerseits das Steuern anderer Computer übernehmen sollte: Die jeweilige Verbindung baute er zwar schnell auf, bei der Anzeige des Remote-Bildschirms traten allerdings enorme Latenzen auf. Das machte ein sinnvolles Steuern nahezu unmöglich.

Hinzu kam, dass die CPU des Raspberry Pi bei Aktivitäten im Anydesk-Fenster auf dem entfernten Desktop ständig unter Volllast arbeitete. Das führte zur starker Hitzeentwicklung und daraus resultierenden thermischen Problemen. Auf dem Desktop erschien dementsprechend ständig eine Temperaturwarnung. Erst nach einer Neukonfiguration, bei der der LAN-Anschluss zur Datenübertragung zum Zuge kam, verbesserten sich die Reaktionszeiten; sie blieben aber dennoch sehr unbefriedigend.

Auch bei der neuesten Variante, dem RasPi 3B+, änderten sich die Latenzzeiten nur unwesentlich. In allen Konfigurationsvariationen zeigte sich eine nahezu vollständige Auslastung der CPU mit entsprechend schlechten Reaktionszeiten auf dem Desktop des entfernten Rechners im Anydesk-Fenster. Der Hersteller der Software erläuterte uns, dass die schlechte Leistung des RasPi als Steuerrechner an der fehlenden Grafikbeschleunigung liegt. Das Problem will Anydesk möglicherweise in einer der kommenden Versionen beheben (Abbildung 4).

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