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Aus Raspberry Pi Geek 12/2017

Editorial 11-12/2017

Öfter mal was Neues?

Jörg Luther

Mit dem neuen Raspbian-Release “Stretch” schlägt die Raspberry Pi Foundation überflüssige technische Kapriolen, die einer auf Bildung und Ausbildung fokussierten Organisation schlecht zu Gesicht stehen, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Mitte August hat die Raspberry Pi Foundation eine neue Major-Version von Raspbian freigegeben, die auf dem aktuellen Debian 9 “Stretch” basiert. An sich hätte das noch Zeit gehabt: Zum einen bringt die neue Version funktionell kaum Vorteile, denn wie die Foundation selbst zum Release mitteilte [1], beschränken sich die Änderungen auf “Optimierungen unter der Haube”, an “Desktop und Anwendungen sollte man im Alltagsgebrauch keine Unterschiede bemerken”. Zum anderen hätte man den Wechsel noch mindestens bis Mai 2018 aufschieben können, denn so lange lässt das Debian-Projekt der Release noch ganz normale Pflege angedeihen. Selbst danach liefert der Long-Term-Support-Zweig von Debian weitere zwei Jahre Sicherheitsaktualisierungen, also bis ins Frühjahr 2020.

Nun sind ja Upgrades an sich eine feine Sache, aber im konkreten Fall hat es sich die Foundation etwas zu einfach gemacht und vor allem die alte Faustregel “never touch a running system” missachtet. Wer das neue Betriebssystem-Image zieht, frisch auf eine SD-Card spielt und den RasPi dann davon bootet, der findet seine Netzwerk-Interfaces unter völlig anderen Namen wieder. Was früher schlicht eth0 war, heißt jetzt auf einmal enx0dea1db2e3af oder ähnlich, statt wlan0 verwendet ein Zero W oder RasPi 3 plötzlich wlxc5af6eba7be8 oder dergleichen.

Grund der seltsamen Umbenamsung ist der relativ neue Init-Dienst Systemd, der die Idee sogenannter Predictable Network Names [2] umzusetzen versucht. Bei der Systeminitialisierung kann auf Rechnern mit mehreren Netzwerkschnittstellen deren Name nach dem alten Schema zwischen Bootvorgängen wechseln. Was also vorher eth0 war, ist danach eth1, und umgekehrt. Deswegen entstand das neue Benennungsprinzip, bei dem die Schnittstellen stets denselben Namen erhalten. Dafür gibt es verschiedene Varianten; die jetzt von Raspbian verwendete basiert auf der Benennung nach MAC-Adressen. Das auf den ersten Blick kryptisch erscheinende enx0dea1db2e3af bedeutet also: der Ethernet-Port (en) mit der MAC-Adresse (x) 0x0D-EA-1D-B2-E3-AF. Beim WLAN-Interface (wl) funktioniert das sinngemäß ebenso.

Beim RasPi ist diese Änderung überflüssig wie ein Kropf. Erstens hat er in keiner Erscheinungsform mehrere Netzwerk-Interfaces gleicher Art, sodass diese sowieso stets denselben Namen behalten. Zweitens schießt die Foundation damit sowohl hilfesuchenden Einsteigern als auch der Community in den Fuß, denn sämtliche Anleitungen zum Thema Netzwerke, ob online oder gedruckt, funktionieren mit “Stretch” nicht mehr. Zu den weiteren Merkwürdigkeiten zählt, dass zum einen das gewählte Benennungsschema zu jenen gehört, die beim Entwurf der Predictable Network Names als weniger empfehlenswert identifiziert wurden – es hätte bessere Alternativen gegeben [3]. Zum anderen erfolgt die Änderung nicht konsistent: Aktualisieren Sie eine bestehende “Jessie”-Instanz im laufenden Betrieb, bleibt es bei den alten Namen; schreiben Sie ein neues Image und booten davon, verwendet das System die neuen Bezeichner. Auf diese Weise kann es dazu kommen, dass Sie beide Varianten im selben Netz betreiben, was zusätzliche Arbeit macht.

Der unverständlichste Aspekt der Angelegenheit ist aber, dass der schlichte Eintrag net.ifnames=0 in der Datei /boot/cmdline.txt genügt hätte, um es trotz neuem technischen Unterbau bei den alten Interface-Namen zu belassen. Das hätte die Foundation entsprechend vorkonfigurieren können, was den Anwendern viel Verwirrung und den Betreibern von RasPis mit statischer IP-Adresse reichlich Rekonfigurationsarbeit erspart hätte. Holen Sie bei einem Upgrade auf “Stretch” gegebenenfalls diesen Eintrag manuell nach, um Inkompatibilitäten auszuweichen.

Ich hoffe sehr, dass die Foundation das nächste Upgrade des Betriebssystems mit etwas mehr Überlegung angeht und auf überflüssige Kapriolen wie die aktuelle verzichtet: Für ein explizit auf den Einsatz in Bildung und Ausbildung ausgelegtes System wie den Raspberry Pi stellt Abwärtskompatibilität eine grundlegende Voraussetzung dar.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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