Viele Jahre galt das Silicon Valley als der Inbegriff für Wachstum, hohe Gehälter und hohe Renditen. Doch die Zeiten haben sich geändert – auch wegen Corona.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
“Danke, dass ihr so hart gearbeitet habt, um Menschen und Unternehmen überall zu helfen. Eure Beiträge waren von unschätzbarem Wert und wir sind dankbar dafür”. Das schrieb Alphabet-Chef Sundar Pichai kürzlich seinen Mitarbeitern in einer E-Mail. Ähnlich warme Worte dürften vermutlich auch viele Mitarbeiter anderer Tech-Giganten zu lesen bekommen haben. Im Silicon Valley tobt eine Entlassungswelle in nie gekanntem Ausmaß. Nun droht sie auch nach Europa überzuschwappen.
So entließ beispielsweise Googles Mutterkonzern Alphabet 12 000 Mitarbeiter, Microsoft 10 000 und Amazon sogar 18 000. Facebook setzte Anfang des Jahres 13 000 Leute vor die Tür, in Kürze sollen weitere 4000 folgen. In der Summe verloren im Silicon Valley zu Jahresbeginn 2023 über 150 000 Mitarbeiter ihren Job.
Eine Branche, die ihre Anleger, aber auch Mitarbeiter, über viele Jahre mit immer höheren Renditen belohnte, muss plötzlich Federn lassen. Die fetten Jahre sind erst einmal vorbei. Getreu dem Motto “Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital eines Unternehmens”, stellt sich die Frage, wie es dazu kam.
Das liegt zunächst daran, dass sich viele Firmen in der Corona-Krise verspekulierten. Während des Lockdowns stieg die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen und Hardware massiv an, was die Unternehmen veranlasste, mehr Personal einzustellen.
Der Facebook-Mutterkonzern Meta und Amazon verdoppelten ihre Belegschaft während der Pandemie, andere wie Microsoft oder Google stockten etwa die Hälfte auf. Doch Corona mit all seinen Begleiterscheinungen ist weitgehend vorbei, die Nachfrage sinkt deutlich. Daniel Ek, CEO von Spotify, sagt dazu: “Im Nachhinein weiß ich, dass ich im Vergleich zum Umsatzwachstum zu ambitioniert investiert habe”.
Aber das ist nicht der einzige Grund: Auch die schwächelnde Konjunktur, ausgelöst durch hohe Inflation und Zinsen, leistet ihren Beitrag. Wie sich der Markt weiterentwickelt, kann derzeit kaum jemand seriös prognostizieren.
Auch wenn es den entlassenen Mitarbeitern wenig hilft, sind viele Ökonomen der Meinung, dass es sich dabei um ein überfälliges und gesundes Korrektiv handle, einen aufgeblähten Markt auf ein vernünftiges Niveau einzudampfen.
Herzliche Grüße,
Thomas Leichtenstern
Redakteur

