Die Chipkrise macht auch der Raspberry Pi Foundation zu schaffen. Der RasPi 4 ist kaum zu bekommen, und wenn doch, dann zu völlig überhöhten Preisen. Warum die Krise aber nicht als Chance sehen? Der Pi Pico ist vom Lieferengpass nicht betroffen. Er lässt sich mit MicroPython programmieren, und Pi OS enthält ab Werk eine passende Entwicklungsumgebung.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
als Eben Upton vor 10 Jahren den ersten Raspberry Pi präsentierte, arbeitete der mit einer 700 MHz schnellen Single-Core-CPU und 256 MByte RAM. Ungewöhnlich war diese Ausstattung nicht, andere SBCs dieser Zeit wiesen ähnliche Leistungsdaten auf. Ungewöhnlich waren hingegen das Format, der Preis und die Zielgruppe: Nicht viel größer als eine Kreditkarte, sollte der Mini-Rechner lediglich 25 US-Dollar kosten (damals etwa 19 Euro). Als Käufer hatte Upton nicht Unternehmen im Visier, die auf Basis der Platine Geräte bauen sollten, sondern Schüler und Studenten. Der Raspberry Pi sollte dem IT-Nachwuchs eine kostengünstige programmierbare Plattform für Bildung und Experimente bieten.
Inzwischen gibt es die vierte Generation des Raspberry Pi. Auf der ganzen Welt nutzen Lernende den Mini-Rechner für die ersten Schritte in der Welt der Programmiersprachen. Aber auch Hobby-Bastler, Maker und Unternehmen wissen die Vielfalt rund um den RasPi zu schätzen. Die schnellste Variante bietet aktuell USB 3.0, Gigabit Ethernet und Dual-Band-WLAN sowie 8 GByte RAM und eine bis zu 1,8 GHz schnelle Quad-Core-CPU. Die Ausstattung des Raspberry Pi entwickelt sich immer weiter zu einer echten Desktop-Alternative. Unverändert blieben hingegen das Format und der Preis: Das Basismodell kostet nach wie vor offiziell 25 US-Dollar, die High-End-Variante 35 Dollar. Zumindest in der Theorie.
Katastrophen wie der Wintersturm von 2021, der in Texas wochenlang mehrere Chip-Fabriken lahmlegte, ein Großbrand in einem japanischen Halbleiterwerk, die durch Corona angespannte Lage der Weltwirtschaft und nicht zuletzt der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine wirbeln bis heute die eigentlich sehr faire Preisgestaltung kräftig durcheinander. Ist der RasPi 4 einmal lieferbar, dann nur zu absurd hohen Preisen bis hin zu 100 Euro. Der Grund für den Lieferengpass liegt unter anderem an der schlechten Verfügbarkeit des Broadcom produzierten BCM2711-Chipsatzes.
Die unmoralischen Angebote stammen in der Regel von “Scalpern”, also windigen Geschäftemachern, die automatisiert große Mengen einkaufen, um sie dann zu überhöhten Preisen wieder weiterzuverkaufen. Die Raspberry Pi Foundation empfiehlt daher, nur bei autorisierten Händler einzukaufen [1]. Tools wie der Rpilocator [2] oder das Raspberry Pi Reservation Tool [3] des deutschen Händlers Pi3g helfen Endanwendern, einen der begehrten RasPis zum ursprünglichen Händlerpreis zu ergattern. Den Mangel beheben aber auch dieser Helfer nicht: Nervige Sucherei, hohe Preise und lange Lieferzeiten bleiben wohl noch für längere Zeit die Regel.
Anders sieht es beim kleinsten Bruder des Raspberry Pi aus. Beim Pico und seinen jüngst präsentierten Varianten (siehe Artikel auf Seite 10 dieses Hefts) gibt es aktuell kaum Lieferengpässe und auch keine absurde Geschäftemacherei – mal abgesehen vom ersten Ansturm nach der offiziellen Vorstellung des Pico W mit integriertem WLAN- und Bluetooth-Chip. Da die Foundation den RP2040-Chip des Pico selbst entwickelt hat und eine sehr gute Verfügbarkeit eines der priorisierten Designziele war, schätzen die Vertriebler die Marktlage auch für die Zukunft eher positiv ein.
Für uns Nutzer könnte die Situation die nötige Motivation liefern, sich in die Programmierung von Mikrocontrollern wie dem Pico einzuarbeiten. Die direkt in Pi OS integrierte Entwicklungsumgebung Thonny erlaubt, den Pico mit MicroPython zu programmieren. Die Lernkurve ist dabei zwar steiler als bei einem einfachen Bash-Skript, doch allzu schwer fällt es nicht, erste Erfolge zu erzielen. Gerade wenn es nur darum geht, zu messen, zu schalten, zu steuern oder anzuzeigen, spielt der Pico seine Stärken aus. Er kostet weniger als 10 Euro, braucht noch weniger Energie als der Raspberry Pi und startet unmittelbar nach dem Anstecken ohne Verzögerung durch einen Boot-Prozess.
Eine Idee für die ersten Schritte mit dem Pico W liefert Ihnen der bereits angesprochene Artikel in diesem Heft. Weitere Anwendungsfälle finden Sie in der Ausgabe 109 [4] des englischsprachigen MagPi, dem von der Raspberry Pi Foundation herausgegebenen Magazin. Die Foundation selbst bietet zudem ein Buch an, das Sie auf über 130 Seiten beim Einstieg in MicroPython begleitet [5]. Manchmal kann Mangel eine Chance sein: Eine Programmiersprache wie Python zu lernen, erlaubt Ihnen nicht nur, Software für Mikrocontroller wie den Pico zu entwickeln. Sie können damit auch umfangreichere Programme für die großen Brüder des Pico und für ausgewachsene PCs zu schreiben.
Herzliche Grüße,
Christoph Langner
Redakteur
Infos
- “Production and supply-chain update” von Eben Upton: https://www.raspberrypi.com/news/production-and-supply-chain-update/
- Raspberry Pi Locator: https://rpilocator.com
- Raspberry Pi Reservation Tool: https://picockpit.com/tools/raspberry-reservation
- “20 Raspberry Pi Pico projects”: https://magpi.raspberrypi.com/issues/109
- “Get Started with MicroPython on Raspberry Pi Pico” (PDF): https://hackspace.raspberrypi.com/books/micropython-pico

