Aus Raspberry Pi Geek 04/2022

PopOS für den Raspberry Pi 4 im Test

© Computec Media GmbH

Pop-pop-populär

Christoph Langner

Der Linux-Computer-Spezialist System76 stellt sein Betriebssystem PopOS nun auch für den Raspberry Pi 4 zur Verfügung. Das System überzeugt mit cleveren Ansätzen und guter Bedienung.

Das Raspberry-Standardbetriebssystem Pi OS folgt einem recht konservativen Ansatz: Als Basis dient das bewährte und für seine Stabilität bekannte Debian-System. Auch beim Desktop wagen die Entwickler der Raspberry Pi Foundation keine Experimente und verwenden mit LXDE eine Arbeitsumgebung, die an klassische Windows-Desktops erinnert und ressourcenschonend arbeitet – nicht wirklich schick, dafür aber schnell und funktional. Für Nutzer, die sich mehr Stil auf dem Desktop wünschen, bietet der auf Linux-Computer spezialisierte Anbieter System76 [1] nun aber eine leistungsfähige und äußerst attraktive Alternative an.

PopOS [2] basiert auf Ubuntu und einem aktuellen Gnome-Desktop. Die Entwickler von System76 stülpen dem Desktop jedoch mit der Pop Shell ein eigenes Kleid mit neuen Funktionen über, das weder Ubuntu noch die Gnome Shell bieten. So lassen sich zum Beispiel Fenster automatisch auf dem Bildschirm arrangieren (Auto Tiling) oder zu Gruppen zusammenfassen (Stacking). Das System vereint so nützliche Funktionen von Tiling-Window-Managern wie Awesome, Herbstluftwm oder i3, die besonders bei erfahrenen Linux-Nutzern beliebt sind. Klingen diese Begriffe für Sie wie böhmische Dörfer, können Sie PopOS trotzdem ohne Gefahren auf einem Raspberry Pi ausprobieren.

Installation

System76 bietet PopOS in Form eines Images für den Raspberry Pi 4 und den RasPi 400 an. In unserem Test gelang es nicht, die Abbilddatei mit dem Raspberry Pi Imager zu schreiben. Der Schreibprozess funktionierte zwar, beim ersten Start schaltete sich das System jedoch nach einer kurzen Zeit automatisch ab. Wir schrieben das System daher unter Linux mit dem Kommando dd auf die SD-Speicherkarte (Listing 1, letzte Zeile). Die Zieladresse, hier /dev/sdd, ermitteln Sie zum Beispiel mit lsblk. Die Größe der Speicherkarte gibt einen guten Hinweis, welche Adresse Sie wählen müssen.

Listing 1

$ lsblk
[...]
sdd     8:112  1  59,6G  0 disk
|-sdd1  8:113  1   255M  0 part /run/media/toff/system-boot
|-sdd2  8:114  1   7,8G  0 part /run/media/toff/writable
[...]
$ sudo dd if=pop-os_21.10_arm64_raspi_7.img of=/dev/sdd bs=1M; sync

Nach dem ersten Start erscheint ein englischsprachiger Willkommensbildschirm. Mit einem Klick auf Next rechts oben starten Sie den Einrichtungsprozess. Im ersten Schritt legen Sie die Lokalisierung fest. Im Test führte die Wahl des Tastaturlayouts German (no dead keys) jedoch nicht zum Erfolg. Bei der Auswahl der Tastenbelegung tippen Sie auf das Suchfeld und geben German ein. Danach konfigurieren Sie den WLAN-Zugang und wählen, ob das System die Location Services nutzen darf. Lassen Sie die Funktion deaktiviert, müssen Sie im nächsten Schritt die Zeitzone über das Eintippen von Berlin von Hand angeben.

Im Rahmen des Tests integrieren wir unter den Online Accounts noch ein Google-Konto. Danach müssen Sie nur noch ein Nutzerkonto mit Name, Benutzername und Passwort einrichten. Aber Vorsicht: Noch gilt das englischsprachige Tastaturlayout, sodass auf einer deutschen Tastatur die Buchstaben [Y]+ und [Z] vertauscht sind und sich auch die Sonderzeichen nicht über die gewohnten Tasten erreichen lassen. Nutzen Sie daher vorübergehend besser ein einfaches Passwort. Mit einem Klick auf Start Using Pop!_OS startet dann nach kurzer Wartezeit der Desktop mit der Pop Shell.

Zur Konfiguration der Desktop-Umgebung erscheint ein zweiter Einrichtungsassistent. Dort lässt sich das Aussehen des Docks am unteren Bildschirmrand anpassen oder die Leiste gleich ganz abschalten. Ebenso gibt es die Möglichkeit, die Menüs Workspaces und Applications in der oberen linken Ecke zu deaktivieren. Zwischen die einzelnen Einstellungen mischt der Assistent Erklärungen, wie es den Desktop zu bedienen gilt. So erfahren Sie etwa, dass Sie das Anwendungsmenü über die Super-Taste aufrufen, und lernen, wie Sie den Desktop bei Vorhandensein eines Touchscreens oder eines Touchpads mit Gesten steuern. Nach Wahl des Themes steigen Sie über Start Using Pop!_OS in das System ein.

Raspberry-Pi-Display

Damit PopOS oder dessen Basis Ubuntu auf einem Raspberry Pi mit dem offiziellen 7-Zoll-Touchscreen zusammenarbeitet, müssen Sie in der Konfigurationsdatei /boot/config.txt die Option dtoverlay=vc4-kms-v3d deaktivieren, sonst bleibt das Display schwarz. Bearbeiten Sie dazu die Datei über sudo nano /boot/config.txt und kommentieren Sie sie mit einer Raute aus, sodass sie auf #dtoverlay=vc4-kms-v3d lautet. Nach einem Neustart sollte der Desktop erscheinen, für Eingaben öffnet sich automatisch eine Bildschirmtastatur (Abbildung 1). Touch-Gesten wie der Vier-Finger-Wisch nach links zum Öffnen der Desktop-Übersicht funktionieren, jedoch nur erratisch. Das dürfte allerdings eher dem Display und dessen Adressierung anzulasten sein als der Pop Shell.

Abbildung 1: PopOS auf einem RasPi 4 mit dem offiziellen 7-Zoll-Touchscreen. Die virtuelle Tastatur erscheint automatisch, sobald das System Eingaben annimmt.

Abbildung 1: PopOS auf einem RasPi 4 mit dem offiziellen 7-Zoll-Touchscreen. Die virtuelle Tastatur erscheint automatisch, sobald das System Eingaben annimmt.

Erste Schritte

Als erste Aktion nach dem Abschließen der Assistenten sollten Sie die anstehenden Aktualisierungen einspielen. Rufen Sie dazu den Pop!_Shop aus dem Dock heraus auf und wählen Sie im Reiter unter Installed via Update All die Installation sämtlicher Updates aus (Abbildung 2). Eventuell fordert Sie das System danach auf, den Rechner neu zu starten. Um das System anschließend auf Deutsch umzustellen, tippen Sie im Dock auf das Icon Settings. Dort öffnen Sie den Bereich Region**& Language und drücken auf Manage Installed Languages und Install**/ Remove Languages…. Im folgenden Dialog wählen Sie German aus und spielen die Sprachpakete über Apply ein.

Abbildung 2: Da PopOS die Linux-Distribution Ubuntu als Unterbau nutzt, sind die Paketquellen im <span class="ui-element">Pop!_Shop</span> getauften Paketmanager gut gef&uuml;llt.

Abbildung 2: Da PopOS die Linux-Distribution Ubuntu als Unterbau nutzt, sind die Paketquellen im Pop!_Shop getauften Paketmanager gut gefüllt.

Anschließend wechseln Sie im Fenster Language Support in den Reiter Language. Dort markieren Sie Deutsch als Sprache und aktivieren die Einstellungen für das ganze System über einen Klick auf den Schalter Apply System-Wide. Im Reiter Regional Formats rechts daneben stellen Sie Deutsch (Deutschland) als Format für Zahlen und Daten ein und aktivieren auch diese Konfiguration wieder über einen Klick auf Apply System-Wide für das komplette System. Danach sollten Sie den Raspberry Pi neu starten. Im Test sprach unser System nach dem ersten Neustart trotzdem noch nicht Deutsch. Erst nach erneuter Konfiguration und einem weiteren Neustart übernahm der Desktop die Sprache korrekt.

Für den letzten Feinschliff öffnen Sie abermals die Einstellungen und wechseln in den Abschnitt Tastatur. Dort fügen Sie Deutsch (Deutschland) als Eingabequelle hinzu und löschen die vorkonfigurierte englische Tastaturbelegung. Um noch die Angabe von Vormittags oder Nachmittags neben der Uhr in der Kopfleiste zu entfernen, stellen Sie im Abschnitt Datum und Zeit das Zeitformat auf 24-Stunden um.

Tiles und Stacks

In der Grundeinstellung bedienen Sie PopOS wie jeden anderen Desktop auch. Aus dem Menü Anwendungen oder über das durchsuchbare Anwendungsmenü (über [Super] oder das Launcher-Icon links im Dock zu öffnen) rufen Sie die gewünschten Programme auf (Abbildung 3). Fehlt etwas, installieren Sie die gewünschte Anwendung über den Pop!_Shop, alternativ nutzen Sie das Paketmanagement über Apt-Kommandos aus der Befehlszeile heraus. So richtet etwa sudo apt install inkscape das beliebte Vektorgrafikprogramm ein. Da das System auf Ubuntu basiert, sind die Software-Repositories prall gefüllt.

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