Aus Raspberry Pi Geek 04/2022

Editorial 03-04/2022

Gekommen, um zu bleiben

Christoph Langner

Spezialdistributionen für den RasPi gab es quasi ab der ersten Stunde des Mini-Computers. Nach bald 10 Jahren entdecken aber auch immer mehr ausgewachsene Projekte die Plattform und stellen offizielle Images für den Raspberry Pi 4 bereit.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

schon seit vielen Jahren gibt es neben dem offiziellen Raspberry Pi OS eine Reihe von Spezialsystemen. Nur drei Beispiele: LibreELEC [1] macht aus dem RasPi ein Mediacenter, Lakka [2] verwandelt ihn in eine Spielekonsole und OctoPi [3] steuert 3D-Drucker. So weit, so bekannt. Einzig für den Desktop gab es in meinen Augen bislang wenig Alternativen zum offiziellen Pi OS. Eine Reihe von Distributoren bieten zwar bereits Images für den Raspberry Pi an, doch in der Praxis mangelt es an Optimierungen. Was auf einem ausgewachsenen PC mit leistungsfähiger Grafikkarte ausgezeichnet funktioniert, überfordert oft die begrenzten Ressourcen des beliebten Mini-Computers.

Schritt für Schritt arbeiten sich die Entwickler von Ubuntu, Arch und Konsorten jedoch an den Raspberry Pi heran. Das in dieser Ausgabe vorgestellte PopOS zum Beispiel liefert schon jetzt Nutzern eine topmoderne Oberfläche auf Basis des aktuellen Gnome-Desktops, die es in Sachen Arbeitsgeschwindigkeit fast mit dem wesentlich schlichteren Pi-OS-Desktop aufnehmen kann. Wohin die Reise geht, demonstriert Ubuntu mit einem Ausblick auf die kommende Version: In einem ausführlichen Blog-Beitrag [4] stellt Ubuntu-Entwickler Dave Jones seine Optimierungen für das im April anstehende Release von Ubuntu 22.04 “Jammy Jellyfish” vor.

Dank der inzwischen in den Mainline-Kernel integrierten KMS-Display-Treiber (Kernel Mode Settings) kann der Raspberry Pi unter Ubuntu das Display über die Linux-APIs ansprechen, ohne dass das weitere Anpassungen am System erfordert. So spielt “Jammy Jellyfish” Full-HD-Videos ab und bedient Videokonferenzen, ohne den früher benötigten proprietären Videotreiber zu integrieren. Mithilfe von Kompressionsverfahren wie Zswap reduzieren sich zudem die Anforderungen an den Arbeitsspeicher, sodass Ubuntu 22.04 auch mit der Einsteigerversion des Raspberry Pi 4 mit nur 2 GByte Hauptspeicher zurechtkommen dürfte. Davon profitieren selbstverständlich auch die RasPi-Boards mit mehr Arbeitsspeicher. Für Interessierte hat der Distributor Canonical die Optimierungen in einem kurzen How-to zusammengefasst [5]. In einem der kommenden Hefte werden wir uns ausführlich mit dem Ubuntu-System beschäftigen.

Die nun stetig wachsende Auswahl an voll kompatiblen Desktop-Betriebssystemen löst den Raspberry Pi endgültig aus der Nische der Bastelcomputer und Embedded-Systeme. Nutzer brauchen nicht mehr viel Leidensfähigkeit und Enthusiasmus, um mit dem Raspberry Pi tagtäglich ihre Büroaufgaben zu erledigen oder durchs Netz zu surfen. Es macht schlichtweg Spaß, zu entdecken, was der Kleine so alles kann. Grenzen setzt die Verfügbarkeit von Software für die ARM64-Plattform: So gibt es beispielsweise den Zoom-Client nicht für die vom Raspberry Pi genutzte Hardwarearchitektur. Auch in Sachen Grafikpower muss der RasPi in seinen zukünftigen Versionen noch aufholen, bis grafisch anspruchsvolle Anwendungen wie etwa 3D-CAD-Programme oder Spiele ruckelfrei laufen.

Bis zur Veröffentlichung eines Raspberry Pi 5 müssen wir uns allerdings noch ein wenig gedulden. Die Raspberry Pi Foundation hat die Produktpalette mit dem Pi Zero 2W gerade eben erst nach unten hin verbreitert, zu einer fünften Generation gibt es bislang kaum Gerüchte. Die Produktionsengpässe in der Chipindustrie dürften es zudem nicht gerade leichter machen, einen komplett neuen RasPi auf den Markt zu bringen. Wahrscheinlicher ist für 2022 ein Upgrade auf einen RasPi 4 Modell B+, ähnlich wie es bei der dritten Generation des Raspberry Pi geschah. Dort legte die Foundation nach ziemlich genau zwei Jahren das überarbeitete Plus-Modell nach.

Freuen wir uns also darauf, was uns das noch junge Jahr bringt!

Herzliche Grüße,

Christoph Langner

Redakteur

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