Aus Raspberry Pi Geek 10/2021

Vier aktuelle VoIP-Programme im Vergleich (Seite 3)

Twinkle hat neben der mangelnden Unterstützung von Pulseaudio weitere Nachteile. Im Benutzerprofil des jeweiligen SIP-Kontos gibt es zwar im Reiter Übertragung/NAT die Einstellung Enable NAT keep alive. Allerdings kommuniziert Twinkle trotz dieser Konfiguration nicht laufend mit dem Server des SIP-Anbieters, sodass der Anbieter das Softphone als nicht erreichbar registriert (siehe Kasten “NAT-Keepalive”). Dadurch landen Anrufe auf dem Anrufbeantworter, von denen Sie erst durch die Benachrichtigung des SIP-Anbieters etwas merken.

NAT-Keepalive

Network Address Translation wird gebraucht, damit sich Geräte eines lokalen Netzwerks mit dem Internet verbinden lassen. Dabei übersetzt der Router die lokale in eine öffentliche IP-Adresse. Über das Keepalive-Feature sendet ein VoIP-Telefon mittels UDP in Intervallen winzige Datenpakete an den Router, um zu zeigen, dass der Port noch in Gebrauch ist [14].

Jami

Jami ist aktuell unter Manjaro sowie Raspberry Pi OS verfügbar [15]. Es stammt von der nicht mehr weiterentwickelten Software SFLphone [16] ab. Abgesehen von Video- und Audiotelefonaten beherrscht Jami auch Chats, Konferenzen sowie das Teilen des Bildschirms. Damit übertrumpft es seine Mitbewerber. Darüber hinaus verfügt Jami über eine moderne Oberfläche.

Um ein SIP-Konto einzurichten, klicken Sie im Willkommen-Fenster auf Advanced | Add a new SIP Account. Unter Einstellungen | Konto lassen sich etliche Einstellungen des SIP-Kontos vornehmen. So verfügt Jami über zahlreiche unterstützte Video- sowie Audio-Codecs. Außerdem gibt es eine Reihe von Einstellungen für das Netzwerk. Das passende Audiogerät lässt sich unter Einstellungen | Media auswählen.

Jami kann auch in Sachen Telefonie punkten. Sobald ein Anruf eingeht, erscheint am Bildschirm ein kleines Benachrichtigungsfenster, das den Benutzer auffordert, den Anruf abzulehnen oder zu akzeptieren. Während des Telefonierens kann es passieren, dass DTMF-Töne [17] gesendet werden müssen, um beispielsweise mit der richtigen Abteilung verbunden zu werden. Jami verfügt zwar über keine klassischen Wähltasten, jedoch lassen sich über das Eingabefeld der Chat-Funktion Tastentöne senden (Abbildung 3).

Abbildung 3: Bei Jami muss für DTMF das Chat-Fenster herhalten.

Abbildung 3: Bei Jami muss für DTMF das Chat-Fenster herhalten.

Bei Jami funktioniert unter anderem die Kombination aus Waveshare-Mikrofon und Onboard-Sound. Die Waveshare-Soundkarte wird sogar zu 100 Prozent unterstützt, indem Sie unter Einstellungen | Media die Verwaltung der Audiogeräte Alsa überlassen. Auch die Kombination aus Webcam-Mikrofon und Onboard-Sound funktioniert, wobei hier die Ton- sowie Sprachqualität am schlechtesten ausfällt.

Bei der Creative Sound Blaster kann es zu Aussetzern kommen, falls die USB-Geräte zu wenig Strom erhalten. Ansonsten funktioniert die Karte einwandfrei mit Jami, sofern die Verwaltung via Pulseaudio erfolgt.

Linphone 4

Linphone 4 ist die neueste Desktop-Version der schon lange etablierten Software und kommt mit einer modernen grafischen Oberfläche daher, wobei sie nur auf den RasPi-Modellen der vierten Generation zufriedenstellen läuft [18]. Der Grund dafür liegt im enormen Ressourcenverbrauch der Software. Sie verlangt nach reichlich Arbeitsspeicher und Rechenleistung.

Sofern Pulseaudio die Ausgabe steuert und Alsa das Mikrofon verwaltet, funktioniert die Unterstützung der Waveshare-Soundkarte sehr gut. Zudem ist die Kombination aus Waveshare-Mikrofon und Onboard-Sound möglich. Die Creative Sound Blaster läuft einwandfrei, sofern die Verwaltung durch Pulseaudio erfolgt.

Linphone bietet als einziges Softphone zudem die Möglichkeit an, direkt über die App ein SIP-Konto bei Linphone zu erstellen. Dazu wechseln Sie zum Startfenster und klicken auf Assistent | Linphone-Konto erstellen. Auch SIP-Konten anderer Anbieter lassen sich mit Linphone verwenden, indem Sie unter Assistent | SIP-Konto verwenden einen entsprechenden Account eintragen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Linphone-App enthält einen Assistenten, der direkt beim Entwickler einen SIP-Account anlegt. Optional tragen Sie ein bereits bestehendes Konto bei einem anderen SIP-Anbieter ein.

Abbildung 4: Die Linphone-App enthält einen Assistenten, der direkt beim Entwickler einen SIP-Account anlegt. Optional tragen Sie ein bereits bestehendes Konto bei einem anderen SIP-Anbieter ein.

Abgesehen vom Telefonieren unterstützt Linphone Videoanrufe und Chats. Zudem nimmt es Telefonate auf Wunsch im MKV-Format auf. Zudem verfügt Linphone über ein DTMF-Tastenfeld, das Tastentöne zum Steuern von Anrufbeantwortern oder Hotlines sendet. Die Audiogeräte lassen sich während eines Telefonats umstellen, sodass Sie zum Beispiel spontan vom Headset zum Freisprechen wechseln können. Eine Übersicht liefert beim Telefonieren diverse Statistiken, wie zum Beispiel die Up- und Download-Bandbreite.

Ein großes Manko von Linphone 4 ist allerdings die Installation. Als einzige gängige Distribution stellt OpenSuse die neuste Version der Anwendung über die Paketquellen zur Verfügung. Die Installation müssen Sie auf dem RasPi unter Raspberry Pi OS daher von Hand erledigen.

Hierzu installieren Sie zuerst diverse Bibliotheken für das Kompilieren der Quelldateien. Wünschen Sie zusätzliche Funktionalitäten wie zum Beispiel das Aufnehmen von Anrufen, müssen Sie vor dem Kompilieren die MKV-Bibliothek einrichten. Ähnliches gilt für die anderen Extras, was den Aufwand immens in die Höhe treibt.

Das ältere Linphone 3.12 (Abbildung 5) wäre daher vor allem für Nutzer des RasPi 3 eine interessante Option. Die Version bietet dieselben Funktionen wie das neuste Flaggschiff der Linphone-Reihe, jedoch fallen die Einstellmöglichkeiten nicht ganz so umfassend aus. Ein SIP-Konto legen Sie bei dieser Version nicht über den Assistenten an, sondern unter Optionen | Einstellungen | SIP-Konten verwalten | Hinzufügen.

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