Aus Raspberry Pi Geek 02/2018

Tracktion-Nachfolger Waveform8 auf dem Raspberry Pi (Seite 2)

Auf dem Raspberry zeigte sich die Situation etwas durchwachsener: In dieser Installation von Waveform8 war die Midi-Funktionalität zwar eingeschaltet und entsprechende Spuren und Plugins waren aktiv. Der Editor ließ sich aber weder direkt im Clip noch in der Einzelansicht dazu bewegen, Noten mit dem Stiftwerkzeug anzunehmen. Hier müssen die Entwicklerteams wohl noch nacharbeiten.

Bei einer Produktion fordern vor allem Plugins für Effekte und Klangerzeuger das System. Die in der Applikation enthaltenen Effekte und Synthesizer starten aber ohne Zögern und leisten sich bei der Ausgabe keine Aussetzer oder Verzerrungen, die sich auf übermäßige Last zurückführen ließen. Die anderen eingebauten Plugins und LADSPA-Module arbeiten schnell und reibungslos.

Wer den Vorgänger bereits kennt, stellt schnell fest, dass Waveform8 eine Weiterentwicklung ist, keine Neuentwicklung. Immerhin macht es aber Schluss mit der bisher stur beibehaltenen Verweigerung allgemein üblicher Standards: Tracktion hatte keine eigene Mixer-Ansicht, weil sich der Mix schließlich über die Plugins für Lautstärke und Panorama realisieren ließ und am rechten Ende der Spuren eine Pegelanzeige zappelte. Es gab sogar eine versteckte Funktion für einen Mixer, die allerdings nur augenzwinkernd das Foto eines Hardware-Mixers einblendete, um zu demonstrieren, wie überflüssig so etwas auf einem Computermonitor sei. Die in Waveform8 tatsächlich funktionierende Ansicht (Abbildung 4) stellt sich als überlegene Alternative zu den bisherigen Möglichkeiten heraus.

Abbildung 4: Selbst Projekte mit vielen Spuren mixen Sie mit der neuen Ansicht sogar auf kleinen Displays recht komfortabel. Das Beispiel zeigt einen antiken Monitor mit 1024 x 768 Punkten, an dem ein RasPi 3 unter Ubuntu Maté hängt.

Abbildung 4: Selbst Projekte mit vielen Spuren mixen Sie mit der neuen Ansicht sogar auf kleinen Displays recht komfortabel. Das Beispiel zeigt einen antiken Monitor mit 1024 x 768 Punkten, an dem ein RasPi 3 unter Ubuntu Maté hängt.

Das etwas dunklere, kontrastreichere Farbschema der Anwendung sticht ebenfalls ins Auge: Wer Tracktion bisher mit seinen dezenten Pastelltönen etwas zu leicht fand oder ein Bedienelement in all der modernen Leichtigkeit nicht richtig traf, findet den Nachfolger vermutlich etwas solider. Ein Nachahmen von Metall oder gar Holz, wie es bei vielen Plugins üblich ist, verkniffen sich die Designer allerdings. Waveform8 sieht vor allem sachlich aus: Schieberegler haben keinen Knopf; stattdessen stellen Sie den Parameter einfach durch Ziehen am entsprechenden Balken ein.

Zu einer professionellen Oberfläche gehören das verständliche Beschriften der Bedienelemente und Tooltipps, die Elemente ausführlicher erklären. Beides hatten die Entwickler von Tracktion schon mit vorbildlicher Sorgfalt und Gründlichkeit eingebaut, allerdings waren die Übersetzungen ins Deutsche kaum zu gebrauchen. In dieser Hinsicht macht es die Neuauflage jetzt deutlich besser: Fast alle Texte wurden sauber ins Deutsche übersetzt; es finden sich kaum noch Stellen, an denen der Text nach Google Translate aussieht (Abbildung 5).

Abbildung 5: Beim Umstellen der Sprache auf Deutsch benutzt Waveform8 einen etwas klobigen Font. Wählen Sie stattdessen »OxygenSans«, dann erscheint die Schrift auch auf Deutsch gestochen scharf und nicht zu groß.

Abbildung 5: Beim Umstellen der Sprache auf Deutsch benutzt Waveform8 einen etwas klobigen Font. Wählen Sie stattdessen »OxygenSans«, dann erscheint die Schrift auch auf Deutsch gestochen scharf und nicht zu groß.

Molto allegro

Die neuen Funktionen machen das Programm in keiner Weise langsamer als Tracktion. Das liegt wohl vor allem daran, dass die meisten davon eine Neuauflage ohnehin schon implementierter Fähigkeiten sind. So zeigt der neue Mixer im Grunde nur eine großzügigere Ansicht der bekannten Werkzeuge am Ende einer Spur.

Ähnlich verhält es sich mit dem ebenfalls neuen Midi-Editor: Tracktion setzte konsequent auf das Bearbeiten von Midi-Regionen direkt in der Spur, ähnlich wie Ardour es anbietet. In Waveform8 blendet ein Klick auf das sehr kleine Klaviatur-Symbol rechts oben einen eigenständigen Editor für die gerade gewählte Region ein (Abbildung 6).

Abbildung 6: Im neuen Midi-Editor ist es möglich, Aufnahmen von anderen Spuren als Ghost-Tracks im Hintergrund anzuzeigen und so Noten synchron zu Aufnahmen zu komponieren.

Abbildung 6: Im neuen Midi-Editor ist es möglich, Aufnahmen von anderen Spuren als Ghost-Tracks im Hintergrund anzuzeigen und so Noten synchron zu Aufnahmen zu komponieren.

Beim Midi-Editor zeigen sich noch kleine Unvollkommenheiten: Das horizontale Scrollen der Ansicht gelingt nur mit gehaltenem Linksklick auf die Taktleiste oben. Es gibt zwar erfreulicherweise Markierungen auf der Pianorolle für die standardmäßigen Schlagzeuginstrumente, aber noch keine Möglichkeit, spezielle Noten für das Schlagzeug einzugeben. Da die allermeisten Drum-Sampler mit normalen Midi-Noten kein Problem haben, ist das nur ein kleiner optischer Makel.

In der Praxis bleiben bei den Funktionen des Midi-Editors sowohl direkt in der Spur wie in der Einzelansicht kaum Wünsche offen, trotz der auf den ersten Blick simplen Oberfläche. Die Software zeigt im unteren Werkzeug-Bereich passende Einstellungen für gerade gewählte Objekte. Hier finden sich auch die Tools für die oft gebrauchten Funktionen Transponieren und Quantisieren.

Beim Quantisieren wenden Sie Groovepattern an, um mehr Lebendigkeit in den Rhythmus der Noten zu bringen. Wer alles per Hand perfekt einzuspielen vermag, der drückt [Q], um die Snap-Funktion der Midi-Regionen zu deaktivieren: Sie sorgt sonst dafür, dass Noten immer auf den nächsten Notenwert einrasten.

Bei Bedarf verschieben Sie sowohl die Mixer-Ansicht als auch den Midi-Editor aus der Oberfläche in einen eigenen Tab und von dort in ein eigenes Fenster. So sehen Sie, sofern Sie mehr als einen Monitor nutzen, mit dem Tracktion-Nachfolger verschiedene Aspekte der Produktion gleichzeitig.

Besonders der Mixer bringt dabei die passenden Optionen für sehr große Produktionen auf vielen Spuren mit. Auf einem gängigen Monitor mit 1600 Pixel Breite zeigt er im Vollbild mit auf mittlere Breite eingestellten Kanälen locker 40 Spuren nebeneinander an, wobei die wichtigsten Bedienelemente immer noch groß genug für schnelle Eingriffe mit der Maus bleiben (Abbildung 7).

Abbildung 7: Konzentration auf das Wesentliche: Selbst bei sehr vielen Spuren behalten Sie im Mixer die Übersicht und greifen bei Bedarf sehr einfach ein.

Abbildung 7: Konzentration auf das Wesentliche: Selbst bei sehr vielen Spuren behalten Sie im Mixer die Übersicht und greifen bei Bedarf sehr einfach ein.

Im Eigenbau

Waveform8 bietet im Vergleich zu Tracktion deutlich erweiterte Möglichkeiten zum Skripting. Im Hauptmenü links unten bietet das Menü Script Ausführen eine Auswahl von mehr als hundert eingebauten Skripten und Makros. Unter Einstellungen | Tastenkürzel finden Sie links unten Schalter, die einen kleinen Editor für eigene Skripte sowie eine Liste angelegter Skripte anzeigen.

Sie programmieren in einem sehr vereinfachten Javascript-Dialekt: Er besteht erst einmal nur aus Einzeilern, die Bibliotheksfunktionen innerhalb der Software ansprechen. Für anspruchsvollere Ideen nutzen Sie im Editor alle gängigen Javascript-Funktionen, auch Kontrollstrukturen und Schleifen. Dazu bietet dieser ein entsprechendes Syntax-Highlighting.

Besonders interessant dürfte diese Funktion für Musiker sein, die Waveform8 im Livebetrieb einsetzen möchten: Komplexere Operationen, bei denen das Zusammenklicken im Konzert zu lange dauert, programmieren Sie als Skript und rufen es anschließend mit nur einem Tastenkürzel auf.

Probleme und Lösungen

Waveform8 verfügt über sehr viele komplexe Funktionen, die tadellos funktionieren. Da scheint es regelrecht bizarr, dass ausgerechnet etwas so Simples wie Copy & Paste an einigen Stellen nicht wie erwartet zu arbeiten scheint. Uns gelang es im Test nicht, eine Spur aus einem Edit zu kopieren und in einen anderen Edit aus dem Clipboard-Browser links im Fenster per Drag & Drop einzufügen.

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