
Abbildung 7: Konzentration auf das Wesentliche: Selbst bei sehr vielen Spuren behalten Sie im Mixer die Übersicht und greifen bei Bedarf sehr einfach ein.
Im Eigenbau
Waveform8 bietet im Vergleich zu Tracktion deutlich erweiterte Möglichkeiten zum Skripting. Im Hauptmenü links unten bietet das Menü Script Ausführen eine Auswahl von mehr als hundert eingebauten Skripten und Makros. Unter Einstellungen | Tastenkürzel finden Sie links unten Schalter, die einen kleinen Editor für eigene Skripte sowie eine Liste angelegter Skripte anzeigen.
Sie programmieren in einem sehr vereinfachten Javascript-Dialekt: Er besteht erst einmal nur aus Einzeilern, die Bibliotheksfunktionen innerhalb der Software ansprechen. Für anspruchsvollere Ideen nutzen Sie im Editor alle gängigen Javascript-Funktionen, auch Kontrollstrukturen und Schleifen. Dazu bietet dieser ein entsprechendes Syntax-Highlighting.
Besonders interessant dürfte diese Funktion für Musiker sein, die Waveform8 im Livebetrieb einsetzen möchten: Komplexere Operationen, bei denen das Zusammenklicken im Konzert zu lange dauert, programmieren Sie als Skript und rufen es anschließend mit nur einem Tastenkürzel auf.
Probleme und Lösungen
Waveform8 verfügt über sehr viele komplexe Funktionen, die tadellos funktionieren. Da scheint es regelrecht bizarr, dass ausgerechnet etwas so Simples wie Copy & Paste an einigen Stellen nicht wie erwartet zu arbeiten scheint. Uns gelang es im Test nicht, eine Spur aus einem Edit zu kopieren und in einen anderen Edit aus dem Clipboard-Browser links im Fenster per Drag & Drop einzufügen.
Das Linienwerkzeug des Midi-Editors ist in der Lage, Sequenzen von Noten einzuzeichnen. Richtig gut fällt das Ergebnis allerdings nicht aus: Die so eingefügten Noten lassen sich wegen ihrer extrem kurzen Spielzeit kaum bearbeiten. Zudem stieg im Test beim Versuch, sie zu markieren und zu löschen, die Last so rasant an, dass Waveform8 einfror und sich nur noch via [Strg]+[C] im Terminal beenden ließ.
Fazit
Waveform8 empfiehlt sich noch mehr als Tracktion als vollwertige Alternative zu etablierten, komplexen DAWs unter Linux (siehe Kasten “Ardour, Bitwig oder Waveform?”). Einige Ecken und Kanten weisen darauf hin, dass die Tracktion-Entwickler gute Gründe hatten, der Software einen neuen Namen zu geben: Das eigenbrötlerische Konzept des Vorgängers haben sie offensichtlich aufgegeben und versuchen, dieselben Funktionen wie die Konkurrenz zu liefern, idealerweise aber besser umgesetzt. Dass dieses Konzept an vielen Stellen schon sehr gut aufgeht, lässt darauf hoffen, dass Waveform8 zu einer interessanten, gertenschlanken und kostengünstigen Digital Audio Workstation ohne Kompromisse in Sachen Funktionalität heranwächst.
Ardour, Bitwig oder Waveform8?
Schon Tracktion ging besonders sparsam mit den Systemressourcen um und bot eine Oberfläche, die selbst auf sehr kleinen Displays gut funktionierte. In dieser Hinsicht bleibt Waveform8 seinen Mitbewerbern überlegen, und wer mit dem Raspberry Pi experimentieren möchte, hat kaum eine Alternative: Für den Mini-PC steht zwar auch Ardour bereit, in Sachen Performance kann es auf dem RasPi aber nicht mithalten.
Bei den Funktionen hat Waveform8 zu Ardour aufgeholt, ein großes Manko bleibt jedoch das Fehlen der nativen Unterstützung für LV2-Plugins. Auch eine synchrone Videospur unterstützt der Tracktion-Nachfolger nicht. Wollen Sie solches Material anspruchsvoll nachvertonen, kommen Sie kaum an Ardour vorbei.
Auch Bitwig unterstützt weder Video noch LV2, hat allerdings in Sachen Automation und dynamische Sound-Manipulation die Nase vorn. Die Racks in Waveform8 ähneln zwar dem modularen Konzept von Bitwig, lassen aber dessen völlige uneingeschränkte Verdrahtung beliebiger Signale aller Plugins und Tonspuren im Projekt vermissen.
Dank des neuen Mixers und der Verbesserungen, die schon Tracktion 7 für die Arbeit mit Audiospuren brachte, empfiehlt sich Waveform8 für die klassische Musikproduktion als echte Alternative zu Ardour. Wer elektronische oder loopbasierte Musik produzieren möchte, bekommt mit Bitwig mehr Möglichkeiten, allerdings in einer deutlich ressourcenhungrigeren Anwendung zum fast vierfachen Preis.
Der Autor
Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Er findet, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Unter http://lapoc.de finden Sie einige CC-lizenzierte klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware.
Infos
- Ardour: http://ardour.org
- Bitwig: http://bitwig.com
- Tracktion: http://tracktion.com
- Test-Set: https://www.conrad.de/de/raspberry-pi-3-model-b-advanced-set-1-gb-1419717.html
- Ubuntu Maté: https://ubuntu-mate.org/raspberry-pi/
- Installation: https://howtotec.net/raspberrypi/how-to-install-ubuntu-mate-on-your-raspberry-pi-the-easy-way





