Aus Raspberry Pi Geek 05/2013

Der Raspberry Pi als Mediacenter

Smarte Himbeere

Marko Dragicevic

Ihrem Fernseher fehlen Mediacenter- oder Smart-TV-Funktionen? Die rüsten Sie mit einem Raspberry Pi preisgünstig und individuell nach.

Selbst gebaute HTPCs (“Home Theater Personal Computer”) sind schon seit der Jahrtausendwende auf dem Vormarsch. Anfangs handelte es sich noch um gewöhnliche Desktop-Rechner, die sich nach dem Umbau in einem für das Wohnzimmer tauglicheren Gehäuse wiederfanden. Dementsprechend hoch fielen die Anschaffungs- und Energiekosten aus. Doch die Community kam rasch auf neue Ideen: So tauchte für XBox-Konsolen die Mediacenter-Software XBMC auf. Sie wurde im Laufe der Jahre für verschiedenste Plattformen und Betriebssysteme portiert. So kamen als Hardwarebasis Nettops wie zum Beispiel die Zbox von Zotac in Kombination mit der OpenELEC-Distribution in Mode.

Jetzt stellt eine neue Plattform alle bisherigen Mediacenter-Lösungen in Sachen Preis/Leistung, Platzbedarf und Energieeffizienz in den Schatten: Der Raspberry Pi in Kombination mit XBMC. Freilich kann ein 35 Euro teurer Embedded-PC nicht in allen Punkten die gleiche Leistung bringen wie ein 200-Euro-Nettop oder gar ein 600 Euro teurer Selbstbau-HTPC. Für viele Anwendungszwecke muss er dies aber auch nicht zwingend.

Zwar kann es nach der Auswahl eines Videos durchaus zwei Sekunden dauern, bis dieses startet – anschließend gibt der Raspberry Pi es jedoch ruckelfrei in HD-Qualität wider. Die GPU gleicht bei vielen Multimedia-Anwendungen das aus, was dem 700-MHz-Hauptprozessor an Power fehlt. Der Platzbedarf in der Größe einer Zigarettenschachtel fällt angenehm gering aus, für den Stromverbrauch in Höhe von einer niedrigen einstelligen Watt-Zahl gilt dasselbe.

Für manche Anwendungszwecke kommt man um teurere Alternativen jedoch nicht herum: Wer ein externes Blu-Ray-Laufwerk anstöpseln möchte, kann dann nur Scheiben ohne Kopierschutz abspielen. Auch bei Live-TV-Anwendungen, bei denen sowohl Back- als auch Frontend auf demselben Gerät laufen, stößt der Raspberry Pi schnell an seine Grenzen.

Einkaufsliste

Am Anfang steht in der digitalen Welt nicht das Wort, sondern die Hardware. Die Lieferzeiten des Raspberry Pi haben sich erfreulicherweise gegenüber der Anfangszeit stark verbessert. Einer der beiden offiziellen Distributoren, Farnell/element 14 [1] verschickt oft innerhalb ein bis zwei Wochen nach Bestelleingang, bei RS Components [2] dauert es dem Vernehmen nach gerne etwas länger.

Wer nicht warten möchte, bestellt das Gerät gegen einen Aufpreis direkt aus dem Lager von Wiederverkäufern. Modmypi [3] bietet beispielsweise für zusätzliche acht Euro ein Gehäuse an, welches in seiner schwarzen Ausführung im Wohnzimmer optisch nicht negativ auffällt. Aber auch deutsche Händler wie Vesalia [4], Exp-Tech [5] oder Watterott [6] führen den kleinen Einplatinen-Computer im Sortiment. Dabei gilt es jedoch stets zu kontrollieren, ob laut der Homepage des Import-Händlers derzeit Geräte auf Lager liegen und der Preisaufschlag gegenüber den offiziellen Distributoren maximal fünf Euro beträgt – ansonsten lohnt sich eher ein Direktimport aus England.

Das für den Minicomputer benötigte Zubehör, wie etwa ein HDMI-Kabel, gibt es in vielen Haushalten bereits, sodass es sich selten lohnt, zu einem vergleichsweise hohen Preis ein “Raspberry Pi Starter Kit” zu ordern. Zwar zeigt sich das Gerät etwas wählerisch darin, mit welcher Peripherie es zusammenarbeitet, doch lässt sich die Kompatibilität zu Komponenten in einschlägigen Listen [7] recherchieren.

Zum Beispiel liefert ein Smartphone-USB-Netzteil auch für den Pi genügend Strom – 5 Volt, 1 Ampere. Die an manchen Stellen zitierten 700 mA genügen dem Pi nur dann, wenn weder ein Ethernet-Kabel noch USB-Geräte angeschlossen sind. Möchten Sie eine externe Festplatte nutzen, sollte diese eine eigene Stromversorgung mitbringen oder über einen aktiven USB-Hub mit dem Pi verbunden werden. Eine Unterversorgung mit Strom kann zu unerklärlichen, willkürlich wirkenden Fehlern im Betrieb führen. SD-Karten sollten optimalerweise den schnellen Class-10-Standard beherrschen.

Ein modernes Mediacenter spielt nur dann alle Möglichkeiten aus, wenn es über Internetzugriff verfügt: Liegt keine Netzwerkdose in der Nähe des Fernsehers, bietet sich (schon aus Gründen der Optik) der Einsatz eines Micro-USB-WLAN-Sticks an, da dieser mit seiner geringen Größe fast in einer der beiden USB-Buchsen des Raspberry Pi verschwindet. Hier erweist sich zum Beispiel der N150-Stick von Netgear als unproblematisch – er läuft unter gängigen Distributionen auf Anhieb.

Prinzipiell bietet es sich an, das Mediacenter über eine Fernbedienung zu nutzen – was auch problemlos klappt. Möchten Sie jedoch später häufig Plugins nutzen, die eine Texteingabe verlangen (wie etwa die Suche beim Youtube-Plugin), ist eine Bluetooth-Funktastatur das Mittel der Wahl. Hier bevorzugen viele Nutzer das Modell K400 von Logitech, da hier auch das integrierte Touchpad funktioniert.

Theoretisch lassen sich Menüpunkte im Mediacenter auch über die XBMC-Remote-App des eigenen Smartphones auswählen. Aufgrund des Umwegs über einen WLAN-Router fällt die Latenzzeit für Reaktionen in diesem Fall jedoch höher aus. Für den Genuss von konventioneller Fernsehübertragungen können Sie an den Raspberry Pi auch per USB einen externen DVB-Empfänger anschließen – Kompatibilität vorausgesetzt. Dies ist allerdings nicht uneingeschränkt zu empfehlen – mehr dazu später im Abschnitt über Live-TV.

Distributionen

Das Einrichten einer speziellen Mediacenter-Distribution geht angenehm schnell von der Hand. Dazu laden Sie lediglich die entsprechende Image-Datei herunter und schreiben diese auf eine SD-Karte, von der Sie den Raspberry Pi anschließend booten.

Bei OpenELEC [9] handelt es sich um eine speziell für das Mediacenter XBMC zusammengestellte Distribution (Abbildung 1). Dieser Purismus sorgt für eine höhere Geschwindigkeit als bei vielen Alternativen. Das Dateisystem setzten die Entwickler hingegen absichtlich auf read-only, sodass der Nutzer nicht so leicht XBMC-fremde Programme nachinstallieren kann. Sie laden von der offiziellen Homepage ein Archiv des Images, entpacken es und nutzen anschließend mit Root-Rechen die darin enthaltene ausführbare Datei create_sdcard, um eine SD-Karte für den Raspberry Pi zu beschreiben.

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