Aus Raspberry Pi Geek 12/2019

Orange Pi: RasPi-Konkurrent aus China im Doppelpack

© Sebastian Duda, 123RF

Exotische Früchte

Bernhard Bablok

Der aus China stammende Orange Pi positioniert sich mit einem guten Preis und interessanten Features gegen die RasPi-Truppe. Kann er sich auch behaupten?

Xunlong [1], die Firma hinter den Orangen, startete als Plagiator eines Plagiators: Das erste Modell glich dem Banana Pi fast wie ein Ei dem anderen, und nach dem Motto wenn schon, denn schon kopierte das Unternehmen kurzerhand auch noch die Webseite der Konkurrenz. Inzwischen bietet Xunlong eine umfangreiche, aber wegen der unsystematischen Namensgebung verwirrende Modellpalette an.

Allerdings gibt es bislang keinen offiziellen Importeur der Kleinrechner in Deutschland. Es bleibt also nur die direkte Bestellung in China mit den damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Insbesondere bei den billigeren Boards bleibt man unter der Bagatellgrenze des Zolls und spart sich somit sowohl den Einfuhrzoll als auch die Umsatzsteuer. Dafür trägt man auch das volle Risiko des Transports, und im Falle eines Defekts gibt es keinen Händler, der die Gewährleistung übernimmt.

Wir bestellten trotzdem zwei Exemplare über Ebay: einen Orange Pi One Plus [2] und einen Orange Pi R1 [3]. Egal, von welchem Hersteller ein Board stammt: Ohne Unterstützung von Armbian [4] raten wir vom Kauf ab, da die Hersteller oft nur angepasste Distributionen mit Spezial-Kerneln anbieten. Der längerfristige Support bessert sich inzwischen zwar, aber mit einem Mainline-Kernel, wie ihn Armbian bietet, fährt man langfristig besser. Die Installation verläuft ähnlich einfach wie bei Raspbian Lite (siehe Kasten “Armbian installieren”).

Die Abwicklung des Versands erfolgte in unserem Fall recht flott. Der eine Orange Pi lag bereits am siebten Tag nach der Bestellung auf dem Schreibtisch, nur einen Tag langsamer als ein RasPi 4 aus Deutschland. Der zweite Orange Pi jedoch war eine Woche länger unterwegs. Als Versandkosten fielen lediglich 98 Cent einschließlich Sendungsverfolgung an – unschlagbar billig.

Armbian installieren

Armbian gilt inzwischen quasi als Standard für ARM-basierte Entwicklerplatinen verschiedenster Hersteller. In aller Regel gibt es zwei Varianten: Die eine basiert auf Ubuntu, die andere direkt auf Debian. Die Entwickler klassifizieren die Unterstützung zusätzlich zum Beispiel als WIP (work in progress) – ein Hinweis darauf, was einen erwartet. Wer sich für ein spezifisches Board interessiert, sollte auf alle Fälle auch die Armbian-Foren durchsuchen.

Armbian bietet sich in erster Linie für den Headless-Betrieb an. Wünschen Sie dennoch eine grafische Oberfläche, installieren Sie diese bei Bedarf über die Paketverwaltung nach. Die Grundinstallation unterscheidet sich nicht wesentlich von Raspbian: Sie laden das Image herunter und schreiben es mit den bekannten Tools auf eine SD-Karte.

Im Gegensatz zu Raspbian verwendet Armbian nur eine einzige Partition. Anpassungen erledigen Sie in der Datei /boot/armbianEnv.txt oder verwenden das Tool armbian-config, das ähnlich funktioniert wie das Raspian-Pendant. Da Armbian nach dem ersten Systemstart ein paar Fragen stellt, etwa nach dem Root-Passwort und dem Standard-Benutzer, sollten Sie entweder mit Bildschirm und Tastatur arbeiten oder sich per seriellem Adapter verbinden.

Wer Raspbian auf der Kommandozeile einigermaßen beherrscht, der kommt auch mit Armbian zurecht. Viele Befehle, etwa für die Software-Installation, funktionieren unter Armbian identisch. Anwender ohne Ubuntu-Erfahrung sollten eher zur Debian-Variante von Armbian greifen, weil die sich noch näher an Raspbian orientiert.

Plus und Lite

Der One Plus (Abbildung 1) kostet etwa 25 Euro. Er wirkt wie ein Bruder des RasPi 3A+, mit dem Unterschied, dass er einen Gigabit-Ethernet-Anschluss statt WLAN mitbringt. Damit füllt er funktional eine Lücke in der Raspi-Modellpalette, denn dort fehlt ein abgespeckter Vierkerner mit LAN statt WLAN.

Die Rechenleistung liegt mit dem H6-Chip von Allwinner ungefähr auf dem Niveau des RasPi 3A/B+, allerdings besitzt der One Plus doppelt so viel Hauptspeicher. Da Armbian aber einen 64-Bit-Kernel einsetzt, halbiert die doppelte Wortbreite den Speicher wieder auf RasPi-3A+-Niveau, was sich in der Praxis aber nur bei sehr speicherintensiven Programmen auswirkt.

Abbildung 1: Der Orange Pi One Plus wartet mit einer ähnlichen Ausstattung auf wie der RasPi 3, kostet aber nur 25 Euro.

Abbildung 1: Der Orange Pi One Plus wartet mit einer ähnlichen Ausstattung auf wie der RasPi 3, kostet aber nur 25 Euro.

Näher am RasPi 3A+ liegt das Schwestermodell Orange Pi Lite 2, das wie dieser WLAN statt Ethernet bietet. Mit 30 Euro fällt es aber im Vergleich zum abgespeckten RasPi eher uninteressant aus. Für Verwirrung sorgt die Tatsache, dass der One Plus mit Gigabit-Ethernet nur einen USB-2-Anschluss mitbringt, während der Lite 2 mit 2,4-GHz-WLAN und USB 3 glänzt. Aber Hardware, die nicht richtig zusammenpasst, gibt es ja inzwischen auch in Form des RasPi 4B, der zwar mit einem für fast alle Anwender überflüssigen zweiten HDMI-Ausgang aufwartet, dafür aber die USB-Anschlüsse so mager mit Strom versorgt, dass ihn zwei USB-3-Platten schon überfordern.

Traditionell verwendet Xunlong für seine Boards eine Buchse mit etwas exotischem Innen- und Außendurchmesser für die Stromversorgung; ein entsprechendes Kabel gibt es aber bei den üblichen Versendern. Der One Plus verfügt jedoch auch über eine traditionelle Micro-USB-OTG-Buchse, die sich für die Stromversorgung eignet.

Weitere Ausstattungsdetails entnehmen Sie der Tabelle “Hardware-Ausstattung”, die zu Vergleichszwecken auch den RasPi 3A+ und den RasPi Zero aufführt. Von der Ausstattung her eignet sich der One Plus vor allem für zwei Zwecke: als kleiner Server für zu Hause und als kostengünstiger Mediaplayer, denn der H6-Chip unterstützt die Hardware-Dekodierung wichtiger Codecs.

 

Prozessor

Kerne

Takt

Grafik

RAM

Netzwerk

USB

Sonstiges

Preis

Orange**Pi One**Plus

Allwinner H6 (Cortex-A53, ARMv8, 64 Bit)

4

1,8 GHz

Mali T720 (MPEG-2, MPEG-4, H.263, H.264, H.265, VP8, VC-1)

1024 MByte

Gigabit-Ethernet

USB 2

UART vorhanden, 26 GPIOs, IR, Mikrofon

25 Euro

**Pi**Lite**2

Allwinner H6 (Cortex-A53, ARMv8, 64 Bit)

4

1,8 GHz

Mali T720 (H.265, H.264, V9)

1024 MByte

Wi-Fi 2,4 GHz, BT 4.1

USB 2, USB 3

UART vorhanden, 26 GPIOs, IR, Mikrofon

30 Euro

Orange**Pi**R1

Allwinner H2+ (Cortex-A7, ARMv7, 32 Bit)

4

1,2 GHz

n.a. (Mali 400)

256 MByte

2 x Fast Ethernet, Wi-Fi 2,4 GHz

n.a. (2 x USB 2 über Expansion Board)

UART vorhanden, SPI-Flash, 26 GPIOs (nachlötbar), 13-Pin-Expansion-Board

18 Euro

Orange**Pi**Zero

Allwinner H2+ (Cortex-A7, ARMv7, 32 Bit)

4

1,2 GHz

n.a. (Mali 400)

256 MByte

Fast Ethernet, Wi-Fi 2,4 GHz

USB 2 (2 x USB 2 über Expansion Board)

UART vorhanden, SPI-Flash, 26 GPIOs (nachlötbar), 13-Pin-Expansion-Board

13 Euro

Raspberry**Pi**Zero**W

Broadcom BCM2835 (ARM11, ARMv6, 32 Bit)

1

1,0 GHz

VideoCore IV (H.264, MPEG-2, VC-1)

512 MByte

Wi-Fi 2,4 GHz

Micro-USB OTG

40 GPIOs (nachlötbar), Kameraanschluss

15 Euro

Raspberry**Pi**3A+

Broadcom BCM2837B0 (Cortex-A53, ARMv8, 64 Bit)

4

1,4 GHz

VideoCore IV (H.264, MPEG-2, VC-1)

512 MByte

2,4/5 GHz Wi-Fi, BT

USB 2

GPIOs vorhanden, Kameraanschluss

25 Euro

Performance

Die reine Prozessorleistung des One Plus liegt im erwarteten Rahmen zwischen dem RasPi 3A/B+ und dem RasPi 4B. Relevanter für eine Home-Cloud ist aber die Netzwerk-Performance. Auch hier weiß der China-Import im Rahmen seiner Möglichkeiten zu glänzen: Sowohl bei verschlüsselten (SCP) als auch bei unverschlüsselten Transfers (NFS) kommen von einer angeschlossenen schnellen SSD-Platte über 38 MByte/s. Das System schöpft damit die USB-2-Bandbreite fast komplett aus, denn im Gegensatz zum RasPi 3B+ hängt der LAN-Anschluss direkt an der CPU.

Trotz seines USB-3-Anschlusses schafft der RasPi 4B im identischen Szenario bei verschlüsselten Transfers mit 42,5 MByte/s nicht wesentlich mehr. Zum Vergleich: Der RockPi 4 zieht hier mit 62 MByte/s davon. Bei unverschlüsselten Transfers mit einem Dateiserver auf NFS-Basis geht der RasPi 4B mit 100 MByte/s aber deutlich flotter zu Werke. Trotzdem: In typischen Home-Cloud-Anwendungen bewegt sich der One Plus auch mit dem aktuellsten RasPi auf Augenhöhe, insbesondere wenn die Clients per WLAN ins Netz finden.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 5 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
RASPBERRY PI GEEK KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Raspberry Pi Geek bei Google Play Readly Logo
Nach oben