Aus Raspberry Pi Geek 08/2019

Alte Stereoanlage mit dem RasPi und Hifiberry aufrüsten

© Martin Wolf/Golem.de

Brüllwürfel

Friedhelm Greis

Kompakt-Stereoanlagen mit CD-Spieler und Kassettendeck sind inzwischen oft ein Fall für den Recyclinghof – oder für die digitale Wiederbelebung mit einem RasPi und etwas Geschick.

Mit Receivern ist es wie mit Autos: Während die Welt über vernetzte, autonome und elektrische Fahrzeuge diskutiert, scheinen Pkw, die einfach nur zuverlässig von A nach B fahren, völlig antiquiert zu sein. Ähnliches gilt für Hi-Fi-Verstärker, wie sie noch in vielen heimischen Wohnzimmern stehen: Sie befeuern die Boxen mit herausragendem Klang, doch es wird immer schwieriger, die digitale Musiksammlung auf die Geräte zu bringen. Was bleibt einem anderes übrig, als die eigene Hi-Fi-Anlage endlich zu vernetzen?

In unserem Fall handelt es sich bei dem altgedienten Stück um die Kompaktanlage Philips FW 362 [1], Baujahr 1999, mit Doppelkassettendeck und CD-Player (Abbildung 1). Dem entspricht im Automobilbereich etwa ein VW Polo Diesel mit Euronorm 2 – stark fahrverbotsgefährdet. Schon beim Kauf war die Stereoanlage sicher nichts für Audiophile. Der CD-Player gab schon vor Jahren seinen Geist auf, das Kassettendeck versprüht hingegen schon wieder Retro-Charme.

Abbildung 1: Eigentlich Elektroschrott: Eine Kompaktanlage Philips FW 362 von 1999 mit defektem CD-Spieler.

Abbildung 1: Eigentlich Elektroschrott: Eine Kompaktanlage Philips FW 362 von 1999 mit defektem CD-Spieler.

Dennoch liegt es nahe, die Anlage nicht um einen reinen Netzwerkplayer zu erweitern, sondern sich lieber gleich einen vernetzten Receiver mit integrierter Endstufe anzuschaffen. Für beide Arten von Geräten gibt es inzwischen eine recht große Auswahl. Es stellt sich daher die Frage: Welche Funktionen brauche ich genau, und welche Geräte bieten diese an?

Das lässt sich bei vielen Produkten aufgrund der zahlreichen angebotenen Funktionen und Standards auf Anhieb gar nicht so einfach beantworten. WLAN, Ethernet, Streaming, Bluetooth, USB, DAB, DLNA, Flareconnect, DTS Play-Fi, Musiccast, Dolby Atmos, Spotify, Heos App und so weiter – wer sich ein solches Gerät anschafft, hat scheinbar für alle digitalen Fälle vorgesorgt. Allerdings nur auf den ersten Blick.

Anforderungen

Für unsere Zwecke sollte der Receiver mindestens folgende Anforderungen erfüllen: die Musiksammlung vom heimischen NAS abspielen, Dateien auf USB-Datenträgern erkennen und die Musik auf einen Bluetooth-Kopfhörer übertragen. Darüber hinaus sollten sich alle grundlegenden Funktionen möglichst ohne zusätzliches Gerät wie eine Smartphone-App bedienen lassen. Beispielsweise muss die Navigation über die integrierten Displays und Tasten so komfortabel ausfallen, dass sich Titel auf dem NAS einigermaßen gut finden und abspielen lassen. Ein Sahnehäubchen obendrauf wäre eine Wake-on-LAN-Funktion für das NAS.

Hinter diesen Anforderungen steht die Überlegung, dass es sich bei Audio-Receivern um langfristige Anschaffungen handelt, die auch nach etlichen Jahren normalerweise noch zuverlässig funktionieren. Ob sie aber in 10, 15 oder gar 20 Jahren noch mit den dann aktuellen Endgeräten kommunizieren können, steht auf einem anderen Blatt. Falls nicht, wären sie wieder Elektroschrott, auch wenn sie technisch eigentlich noch einwandfrei laufen. Zudem haben wir festgestellt, dass zusätzliche Bluetooth-Adapter, die sich in den Kopfhörerausgang stecken lassen, umständlich in der Bedienung sind und ständiges Hin- und Herstöpseln erfordern. Auch das Pairing klappt zum Beispiel bei einem Klinkenadapter der Marke Renkforce [2] sehr unzuverlässig.

Der erste Eindruck trügt

Schon bei unserem ersten Testgerät, einem Onkyo R-N855, mussten wir feststellen, dass der erste Eindruck mit den vielen Standardaufklebern trügen kann (Abbildung 2). Immerhin hat der R-N855 den Vorteil, dass er für die Bedienung nicht zwingend eine App erfordert. Dazu genügen die umfangreiche Fernbedienung und die Tasten am Gerät. Die Netzwerkverbindung lässt sich per Web-Setup erledigen. Allerdings kann man WLAN und LAN nur eingeschränkt im Wechsel nutzen – zieht man das LAN-Kabel ab, muss man die WLAN-Verbindung wieder manuell aktivieren.

Abbildung 2: Ein typischer vernetzter Receiver: Der Onkyo R-N855 hat nur wenige Bedienungselemente auf der Frontseite.

Abbildung 2: Ein typischer vernetzter Receiver: Der Onkyo R-N855 hat nur wenige Bedienungselemente auf der Frontseite.

Es gibt wenige Bedienelemente am Gerät. Über das kleine LC-Display kann man zwar halbwegs gut in den NAS-Ordnern nach Musiktiteln scrollen, doch die Steuerung ist stark eingeschränkt. Erst nach einem Firmware-Update ließen sich Titel überhaupt vorspulen, doch Stoppen lässt sich ein Lied über den fummeligen Menüknopf nicht. Eine wirklich brauchbare Steuerung ermöglichen erst die Fernbedienung oder ein Smartphone.

Das alles überrascht nur wenig: Die paar Schalter und Knöpfe sowie das Display sind offensichtlich nicht dafür ausgelegt, den Receiver zu bedienen. Stattdessen lässt sich ein Smartphone problemlos per Bluetooth mit dem R-N855 verbinden und Musik über diverse Apps wie Spotify auf das Gerät streamen.

Doch beim Anschluss einer externen SSD-Festplatte über den USB-Anschluss stellen wir fest, dass der R-N885 das Laufwerk nicht erkennt. Den Grund dafür nennt die Bedienungsanleitung: “Das Gerät ist außerdem kompatibel mit USB-Speichergeräten der Dateisystemformate FAT16 und FAT32. Andere Formate wie exFAT, NTFS und HFS können von diesem Gerät nicht wiedergegeben werden.” Da die Festplatte mit exFAT formatiert wurde, kann der Receiver sie nicht lesen.

Zwar verfügt das Gerät über einen eigenen Bluetooth-Knopf an der Frontseite. Doch damit lassen sich nur Bluetooth-Geräte verbinden, die ihre Daten an den Receiver senden. Eine Ausgabe der Daten an einen Bluetooth-Kopfhörer oder an Ohrstöpsel klappt nicht. Von einem Wake-on-LAN des NAS lässt sich ohnehin nur träumen. Damit fällt der Onkyo N-R855 trotz eines Preises von gut 500 Euro als praxistauglicher Netzwerk-Receiver für unsere Zwecke aus.

Diese Erfahrung wiederholt sich bei anderen Testgeräten. Der Denon AVR-X1400H (etwa 300 Euro) hat im Grunde dieselben Funktionen mit denselben Schwächen. Der Receiver kann nur FAT16 und FAT32 wiedergeben, eine Ausgabe über Bluetooth gelingt ebenfalls nicht. Das Gerät hat zwar einige Tasten mehr als der Onkyo-Receiver, doch die Bedienung ist umständlich. So lassen sich Musiktitel weder starten noch stoppen. Der Receiver ist vor allem dafür gedacht, mit seinem 7.1-Kanal-Surroundsystem einen kinoähnlichen Klang im heimischen Wohnzimmer zu erzeugen. Darüber hinaus kann das Gerät über WLAN-Mehrraum-Soundsystem von Heos die Musik auf verschiedenen Lautsprechern in der Wohnung abspielen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Denon AVR-X1400H hat deutlich mehr Tasten, die die Bedienung aber kaum erleichtern. (Bild: Denon)

Abbildung 3: Der Denon AVR-X1400H hat deutlich mehr Tasten, die die Bedienung aber kaum erleichtern. (Bild: Denon)

Doch das reicht nicht aus, um zu einem Kauf zu überzeugen. Noch am geeignetsten für unsere Zwecke erschien eine Mini-Kompaktanlage wie die Denon Ceol N10 (ab 420 Euro). Sie verfügt über ein etwas größeres Display, eigene Lautsprecher und einen CD-Spieler (Abbildung 4). Selbst eine Sprachsteuerung per Alexa ist möglich. Der Ceol N10 kann ebenso wie der AVR-X1400H über das Heos-System die Musik auf mehrere Räume verteilen. Auch lassen sich verschiedene Musikdienste per App auf die Anlage streamen. Doch fast die gesamte Industrie scheint sich darauf geeinigt zu haben, keine Bluetooth-Kopfhörer mit ihren Receivern zu unterstützen.

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