Aus Raspberry Pi Geek 04/2016

Editorial 04/2016

Mehr Hubraum?

Jörg Luther

In Sache Hardware mag selbst der RasPi 3 noch Wünsche offenlassen – was die Soft- und Hardware-Unterstützung und vor allem den Support durch die Community anbelangt, ist der Raspberry Pi aber nicht zu schlagen. Da haben selbst die verlockendsten Pi-Rivalen noch einen weiten Weg vor sich, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

beim Automobilisten ist es der Hubraum, beim Motorradfahrer das Drehmoment: Manche Dinge lassen sich durch nichts ersetzen, außer durch mehr vom Selben. Meine GS-500E genügt für den täglichen Einsatz zwar allen meinen Anforderungen, zudem kostet das knuffige Alltagsmotorrad kaum Steuer und Versicherung – eine Gesamtnetz-Monatskarte für den Münchner ÖPNV kommt teurer. Für die 800-Kilometer-Tour am Wochenende mit meiner Frau schwinge ich mich aber trotzdem lieber auf meine Große, eine GSX-1100F. Wird es beim Überholen einmal eng, reißen die 142 PS des Tourers dann doch einfach mehr als die 46 Pferde des Halbliter-Bikes.

Ähnliches gilt sinngemäß auch für unsere Hobbygeräte, die Einplatinenrechner. Ich habe RasPis aller drei Generationen zuhause im Einsatz, jeden in seiner Nische, und bin mit den Boards hochzufrieden. Das gilt insbesondere für den RasPi 3, den ich inzwischen als vollwertigen Desktop nutze – mein Notebook habe ich schon seit Wochen nicht mehr angeworfen. Vielleicht ersetze ich es ja demnächst durch einen Pi-Top, auch wenn es beim RasPi als Laptop-Ersatz noch etwas hakelt (siehe Artikel ab S. 36).

Trotzdem, hier und da bleiben noch Wünsche offen: Mehr Rechenpower, ein schnelleres Netzwerkinterface, USB 3.0, eine SATA-Schnittstelle, generell einen weniger vollgepackten Bus – oder auch ein 64-Bit-Betriebssystem statt des braven 32-Bit-Raspbian. Wer ähnliche Gelüste entwickelt oder Features vermisst, die er für ein Projekt unbedingt braucht, kann entweder auf einen künftigen RasPi 4 hoffen – oder schaut sich auf dem inzwischen breit gefächerten SBC-Markt um. Neben alternativen Pi-Früchten von der Banane bis zur Orange tummeln sich dort zahlreiche aufgemotzte Rivalen von diversen Herstellern. Dabei sind alle Leistungsstufen und Preismarken vertreten, von 15-Dollar-Rechnern auf RasPi-3-Ebene bis zum 200-Euro-Boliden. Da fällt die Übersicht gar nicht so leicht.

Wir nehmen deshalb in dieser Ausgabe auf den Seiten 46 bis 65 für Sie die interessantesten RasPi-Rivalen näher unter die Lupe. Hard- und softwareseitig findet sich da alles, was das Bastlerherz begehrt. Nimmt man die vertretenen Kandidaten aber näher unter die Lupe, fällt dabei aber immer wieder eine Sache auf: Wiewohl es sich bei allen vorgestellten RasPi-Alternativen um recht populäre Geräte handelt, bietet dennoch keines davon eine auch nur annähernd gleichwertige Software-Unterstützung, geschweige denn eine ebenso breite und hilfreiche Community. Da ist der Raspberry Pi schwer zu toppen.

Von daher gilt es, bei jedem Projekt genau zu überlegen, ob mehr Dampf auf der Platine auch wirklich zu mehr Nutzwert führt. In vielen Fällen bringt es mehr, schnell einmal bei der breiten RasPi-Gemeinde im Netz nach einer adaptierbaren Lösung zu suchen oder einfach bei Gleichgesinnten nachfragen zu können, als in Einzelkämpfer-Manier in den Eingeweiden einer Nischenlösung herumstochern und das Rad jedes Mal neu erfinden zu müssen. Und im Zweifelsfall finden sich auch für den RasPi oft passende Erweiterungen, um das angestrebte Einsatzziel doch noch zu realisieren – bis hin an die Grenzen einer industriellen SPS (siehe Artikel ab S. 40). Das muss unserem Lieblings-Mini die Konkurrenz erst noch nachmachen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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