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Aus Raspberry Pi Geek 06/2015

Editorial 06/2015

RasPi statt Neuland

Jörg Luther

In Sachen schulischer Informatik zählt Deutschland im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eindeutig zu den Entwicklungsländern. Das muss nicht so sei, meint Chefredakteur Jörg Luther: Schließlich gibt es den Raspberry Pi.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

bereits zum zweiten Mal binnen eines Jahres hält gerade eine Studie zur Computerkompentenz von Schülern der vernachlässigten und fehlgeleiteten deutschen Bildungspolitik den Spiegel vor.

Bereits Ende 2014 konstatierte die International Computer and Information Literacy Study (ICILS), die erste weltweit vorgenommene Untersuchung zu diesem Thema, dass deutsche Schüler weltweit wie im EU-Vergleich gerade mal eben das Mittelfeld erreichen [1]. Dabei waren die Erwartungen nicht gerade sonderlich hoch gesteckt – schon die Fähigkeit, einen Link anzuklicken oder Texte per Cut & Paste zu kopieren, galt hier bereits als “Kompetenz”. Gerade noch knapp jede(r) Zweite konnte “unter Anleitung Informationen einordnen und etwa zu Tabellen verarbeiten”.

In dieselbe Kerbe schlägt jetzt die Anfang September vorgestellte PISA-Erhebung “Students, Computers and Learning” der OECD [2]. Sie dokumentiert außerdem die unfassbar schlechte IT-Ausstattung deutscher Schulen, wo sich vier Lernende einen Rechner teilen müssen – Rang 28 unter 34 untersuchten Ländern. Man muss schon bis nach Albanien, Kolumbien oder Vietnam gehen, um ein noch dünneres Equipment vorzufinden – ein vernichtendes Armutszeugnis für die deutsche Kultuspolitik.

Davon einmal abgesehen haben die beiden Studien nicht etwa wirkliche Computerkompetenz untersucht, sondern nur die Fähigkeit, das Netz gezielt nach relevanten Informationen zu durchstöbern und diese für die eigene Arbeit umsetzen – lediglich Internet Literacy also. Tatsächliche Computer Literacy – wie funktioniert der Rechner; wie kann ich ihn dazu bringen, zu tun, was ich will; wie programmiere ich – blieb bei beiden Untersuchungen komplett außen vor. Wenig verwunderlich kamen beide Untersuchungen auch zu dem Ergebnis, dass zu viel Beschäftigung “mit dem Computer” der schulischen Leistung sogar abträglich sei. Klar: Wer den ganzen Abend nur ziellos herumsurft oder MMORPGs daddelt, kommt morgens höchstens zu spät zur Schule [3].

Die Situation schreit förmlich nach dem Raspberry Pi. Schließlich wurde der Mini-Rechner ja ursprünglich gerade für den Einsatz in Schule und Bildung konzipiert. Die Anschaffungskosten liegen so weit unter jenen für einen PC, dass selbst das strapazierteste Kultus-Budget das locker hergibt. Anders als mit einem zugenagelten Windows-PC kann man dank offenem System und quelloffener Software mit einem RasPi nicht nur im Internet surfen, sondern mithilfe speziell dafür entwickelter Sprachen wie Scratch das Programmieren lernen, sich mit kleinen Projekten in die Grundlagen von Elektronik und Robotik einarbeiten und andere Dinge mehr, die einem Bürger des mittleren 21. Jahrhunderts gut zu Gesicht stehen werden. Dabei sorgen die minimalen Kosten für den Mini-Rechner quasi ganz nebenbei noch dafür, dass auch Schüler aus sozial schwächeren Familien nicht von entsprechender Bildung ausgesperrt bleiben – anders als derzeit; ein Umstand, den beide zitierten Studien scharf bemängeln.

Auf die Politik zu warten, hat wohl wenig Sinn: Die verschläft schon seit zwanzig Jahren das digitale Zeitalter und hält bekanntlich das Internet immer noch für “Neuland”. Für uns RasPi-Geeks heißt es also: Flagge zeigen und Aufmerksamkeit schaffen. Nehmen Sie doch zum nächsten Elternabend einfach einmal einen Raspberry Pi samt Touch-Display mit und demonstrieren Sie Lehrern und Eltern, wie simpel und obendrein preiswert Computerkompetenz heute sein kann.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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