Editorial 06/2016

Er läuft und …

Der Raspberry Pi erobert immer mehr Einsatzgebiete für sich und hat sich längst aus der reinen Bastelecke emanzipiert. Nächstes Jahr wird er den Rekord für den meistverkauften Computer aller Zeiten knacken, ist Chefredakteur Jörg Luther überzeugt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das unscharfe Digitalfoto [1] könnte in jeder beliebigen Warenannahme der Welt geschossen worden sein: Auf einem derangierten Betonboden steht eine Euro-Palette. Ein großer Klotz Ware, verhüllt in schwarzer Folie, ist darauf mit Plastikbändern festgestrakt. Auf einem DIN-A4-Waschzettel, der auf der Folie klebt – er lässt sich kaum entziffern – kann man immerhin die ersten Zeilen ausbuchstabieren: "Raspberry Pi Foundation" steht da, "Made in China", und: "Pallet 1 of 1". Das Bild zeigt die ersten 2000 Exemplare des Ur-Raspberry-Pi bei ihrer Ankunft aus der Fabrik, datiert ist der Schnappschuss auf den 26. März 2012 – also knapp einen Monat nach dem offiziellen RasPi-Geburtstag, dem 29. Februar.

Was ursprünglich als engagiertes Bildungsprojekt einiger britischer Enthusiasten begann, mauserte sich binnen kurzer Zeit zu einem der meistverkauften und beliebtesten Computermodelle aller Zeiten. Der extrem vielseitige Bastelrechner ging von Anfang an in rekordverdächtigen Stückzahlen über die Ladentheken. Bereits Mitte Februar 2015, nach drei Jahren also, konnte die Raspberry Pi Foundation die Auslieferung von 5 Millionen Exemplaren bekanntgeben [2]. Damals gab sie sich überzeugt, vom kurz vorher eingeführten RasPi 2 binnen zwölf Monaten weitere 3 Millionen unters Volk bringen zu können.

Vor gut sechs Monaten hatte ich anlässlich des vierten RasPi-Geburtstags an dieser Stelle geschätzt, dass zu diesem Zeitpunkt wohl tatsächlich rund 8 Millionen der Mini-PCs in Kinderzimmer, Schulen, Bastelstuben und an Universitäten unterwegs waren. Vor wenigen Wochen nun, am 8. September 2016, gab die Foundation offiziell bekannt, den zehnmillionsten Raspberry Pi verkauft zu haben [3]. In der freien Wildbahn befinden sich allerdings noch wesentlich mehr der SBCs, denn die von der Foundation genannten Zahlen beziehen sich stets nur auf den Verkauf. Daneben gibt die Stiftung im Zug ihres Bildungsauftrags jedoch auch noch zahlreiche Boards gratis an Bildungseinrichtungen aller Art ab.

Inzwischen gibt es kaum noch ein Einsatzgebiet, in dem sich kein RasPi findet. Das reicht von klassischen Bastelprojekten wie dem ab Seite 44 dieser Ausgabe vorgestellten digitalen Adventskalender über pfiffige Eigenbau-Gadgets (siehe Digicam-Backup-System, S. 38) bis hin zu ernsthaften Anwendungen, von denen durchaus Gesundheit und Leben abhängen können: In letztere Rubrik schlägt etwa der ab Seite 22 vorgestellte Bord- und Navigationsrechner für hochseetaugliche Jachten. Im Zug des AstroPi-Projekts hat es der smarte kleine SBC sogar bis in den niedrigen Erdorbit geschafft, auf die internationale Raumstation ISS.

Falls sich der Erfolg des Raspberry Pi nicht abschwächt – und nichts deutet darauf hin – dürfte der Mini-Rechner zu seinem 5. Geburtstag in einem halben Jahr wohl in gut 12 Millionen Exemplaren unterwegs sein und knackt wahrscheinlich noch 2017 den Rekord des am besten verkauften Computers aller Zeiten – diesen Rang hält seit 35 Jahren der legendäre Commodore C-64 mit 15 Millionen. Gar nicht schlecht für ein Stück Hardware, von dem der Projektinitiator Eben Moglen einmal gesagt hat: "Wir dachten, wir könnten zu unseren Lebzeiten vielleicht zehntausend Einheiten verkaufen – wenn wir Glück hätten."

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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