Editorial 09-10/2019

Early Bird

Mit dem Raspberry Pi 4 bietet die Foundation bereits ein volles Jahr früher als erwartet der Konkurrenz die Stirn. Der Neue erfüllt Wünsche, die schon lange auf der Liste vieler Anwender standen, und das zu einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis. Er hat aber auch noch einige Macken, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in der Redaktion führten wir schon seit Längerem immer wieder heiße Diskussionen über die Zukunft des Raspberry Pi. Regelmäßigen Anlass dazu bot das Erscheinen eines neuen Konkurrenten, der entweder preiswerter war als der RasPi, oder leistungsfähiger, oder – und das war in letzter Zeit meist der Fall – beides. Mit immer neuen Features schossen die Wettbewerber wie Pilze aus dem Boden – Atomic Pi, Banana Pi, Firefly, NanoPi, Odroid, Orange Pi, Pine, Potato, Rock, Tinker Board und Tritium, um nur einige zu nennen. Anfang Juni 2019 waren bereits gut 100 mehr oder weniger direkte RasPi-Klone am Start [1].

Was ein potenzieller RasPi 4 können müsste, war klar: Den USB-Netzwerk-Flaschenhals der bisherigen Architektur aufdröseln, mehr RAM bereitstellen, Gigabit-Ethernet ermöglichen und einen PCIe-Anschluss für einen (SSD-)Massenspeicher bieten – so zumindest die Wunschliste in der Redaktion. Klar war ebenfalls, dass die Foundation dabei dem Mitbewerb gegenüber ein Zeitproblem hatte: Wie deren Gründer und Geschäftsführer des Vertriebsablegers, Eben Upton, bei der Vorstellung des RasPi 3A erwähnt hatte, arbeitete man zwar an einem neuen Modell, das aber frühestens Mitte 2020 fertig werden sollte.

Am 24. Juni 2019 frühmorgens kam dann der Paukenschlag: "Wir haben heute eine Überraschung für Sie", so kündigte Upton die sofortige Verfügbarkeit des neuen Raspberry Pi 4B an – und damit nicht weniger als das Ende einer Ära [2]. Der RasPi 4 bricht mit alten Standards und legt den Grundstein für eine völlig neue Modellgeneration. Upton selbst erklärte dazu, das rundum modifizierte Board stoße leistungsmäßig in die PC-Klasse vor. Tatsächlich deckt es fast alle Punkte unserer Wunschliste ab – Details zu den Fähigkeiten des Neuen stellt ein Artikel ab Seite 46 vor. Auch der Vergleich mit dem PC passt, wie die Ergebnisse unserer ausführlichen Benchmarks demonstrieren, die Sie ab Seite 52 nachlesen können. Eine Überraschung stellt der RasPi 4 insofern dar, als er sich jetzt ideal für den Einsatz auf dem Desktop eignet (siehe Test ab S. 60). Daneben macht das neue Modell beim Einsatz als Mediacenter eine exzellente Figur (siehe Artikel ab S. 66).

Zweifellos ist der RasPi 4B ein gelungener Wurf, der zahlreiche Wünsche der Anwendergemeinde umsetzt. Ebenso zweifelsfrei lässt sich das um fast 12 Monate vorgezogene Release aber auch als unter Zeitdruck erfolgter Befreiungsschlag der Foundation gegen die inzwischen fast übermächtige Konkurrenz verstehen: Das Hardware-Design weist noch kleinere Macken auf, die künftige Revisionen bereinigen müssen, wie einen fehlenden Widerstand in der USB-C-Buchse, der das Board inkompatibel zu vielen verfügbaren Netzteilen macht. Auch das gleichzeitig freigegebene neue Raspbian "Buster" [3] unterstützt die Features des Newcomers noch nicht in vollem Umfang. Vor allem die Lokalisierung und die Unterstützung von Video-Codecs jenseits von H.264/H.265 lassen noch zu wünschen übrig. Sowohl die Soft- als auch die Hardware hätten also gut noch etwas Entwicklungszeit vertragen.

Nichtsdestotrotz ist der RasPi 4B im Vergleich mit anderen am Markt befindlichen SBCs ein absolutes Preis-Leistungs-Highlight – mehr Performance liefert nur wesentlich teurere, x86-basierende Hardware. Brauchen Sie diese Power, können Sie jetzt schon bedenkenlos zugreifen. Diktieren jedoch Formfaktor, Verbrauch, Gewicht oder Budget die Rahmenbedingungen, lohnt weiter ein Blick auf die bereits etablierten Modelle.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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