Editorial 03-04/2019

Licht ins Dunkel

Bereits seit Längerem ist klar, dass die derzeitige Systemarchitektur des Raspberry Pi an ihre Grenzen stößt. Wie aber ein Nachfolger aussehen könnte, blieb bislang weitgehend im Dunkeln. Der jüngste Schachzug der Raspberry Pi Foundation zeigt jedoch, wohin die Reise gehen könnte.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

In Sachen Architektur, Core, Speicher und Schnittstellen stößt das Konzept Raspberry Pi mit den Modellen der dritten Generation an offensichtliche Grenzen. Das weiß auch die Raspberry Pi Foundation und hat schon im März 2018 beim Erscheinen des RasPi 3B+ angekündigt, er markiere die letzte Iteration des klassischen Raspberry Pi: Die nächste Generation brauche eine neue Architektur, einen anderen Core und eine verbesserte Speichertechnologie.

Wie dieser nächste Schritt allerdings aussehen könnte, darüber hüllte und hüllt sich die Foundation nach wie vor in tiefstes Schweigen: Welche neue Architektur, welcher andere Core und welche verbesserte Speichertechnologie da für die nächste RasPi-Generation zum Zug kommen sollen, ließ sich bislang nur raten. Daran hat sich grundsätzlich auch nichts geändert, doch der jüngste Zug der Foundation erlaubt jetzt zumindest einen "educated guess": Seit Anfang des Jahres ist die Raspberry Pi Foundation das neueste Mitglied der RISC-V Foundation [1].

Die Idee, Prozessorarchitekturen durch Verschlankung des Befehlssatzes zu vereinfachen (RISC, Reduced Instruction Set Computer), hat sich seit Ihrer Entstehung 1980 weitgehend durchgesetzt; alle heutigen CPUs folgen diesem Ansatz mehr oder weniger. Zu denjenigen Architekturen, die sich am engsten an das RISC-Paradigma halten, gehören ARM und MIPS – beides proprietäre Plattformen, bei denen Chiphersteller die Technologie lizenzieren müssen. Die ARM-Plattform kennen Sie bestens: Alle bisherigen RasPi-Modelle basieren auf von Broadcom hergestellten ARM-SoCs.

Im Zug der durch Linux ausgelösten Erfolgsgeschichte des Open-Source-Ansatzes entstand 2010 an der University of California in Berkeley, einer klassischen Unix- und Open-Source-Hochburg, RISC-V (sprich: "RISC Five"). Die quelloffene, lizenzfreie Befehlssatzarchitektur soll eine Alternative zu den kommerziellen, proprietären Varianten ARM und MIPS bieten. Das tut sie mittlerweile so erfolgreich, dass ARM sogar schon eine Schmutzkampagne [2] gegen den missliebigen Konkurrenten einzustielen versuchte, die aber kläglich scheiterte.

Die unter einer BSD-Lizenz stehende RISC-V-Architektur zielt explizit darauf ab, preiswertere, kleinere, schnellere und stromsparendere Prozessoren bauen zu können. Damit eignet sich RISC-V ideal für SBCs der RasPi-Klasse. Welche Software man unkompliziert darauf laufen lassen kann, verdeutlicht die Tatsache, dass auch die Linux Foundation seit geraumer Zeit zu den Mitgliedern der RISC-V Foundation zählt.

Zwar betonte Eben Upton, Gründervater der Raspberry Pi Foundation, anlässlich des Beitritts zur RISC-V Foundation, bei dem Schritt handele es sich nicht etwa um eine verkappte Produktankündigung. Gleichzeitig schwärmte er aber auch lautstark, RISC-V sei "ein wichtiger Enabler für Innovationen" und "treibe aufregende Entwicklungen voran" [3].

Damit scheint sich jetzt anzudeuten, wohin beim Raspberry Pi langfristig die Reise geht. Kurzfristig allerdings dürfte sich an der RasPi-Architektur nichts ändern, und die Foundation schwenkt fürs Erste offenbar auf das Entwickeln knackiger Peripherie für den RasPi um. Ein Paradebeispiel dafür liefert der neue DVB TV µHAT – mehr dazu lesen Sie ab Seite 36 in dieser Ausgabe.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur, Brand / Editorial Director

Infos

  1. RISC-V Foundation: https://riscv.org
  2. "ARM beendet eilig Kampagne gegen RISC-V": https://www.golem.de/news/prozessor-technik-arm-beendet-eilig-kampagne-gegen-risc-v-1807-135424.html
  3. "Raspberry Pi Foundation Announces RISC-V Foundation Membership": https://abopen.com/news/raspberry-pi-foundation-announces-risc-v-foundation-membership/

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 1 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Raspberry Pi Geek kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Editorial 02/2014

     

  • Editorial 01-02/2019

    Im November überraschte uns die Raspberry Pi Foundation gleich doppelt: Mit einer A+-Variante des Raspberry Pi 3 und einer neuen Raspbian-Version, die endlich einen hardwarebeschleunigten, grafischen Multimedia-Player mitbringt.

  • Editorial 03/2016

    Chefredakteur Jörg Luther gratuliert dem Raspberry Pi zum vierten Geburtstag – und freut sich jetzt schon auf das zehnjährige Jubiläum des Mini-Rechners.

  • Editorial 06/2016

    Der Raspberry Pi erobert immer mehr Einsatzgebiete für sich und hat sich längst aus der reinen Bastelecke emanzipiert. Nächstes Jahr wird er den Rekord für den meistverkauften Computer aller Zeiten knacken, ist Chefredakteur Jörg Luther überzeugt.

  • Editorial 05-06/2017

    Chefredakteur Jörg Luther gratuliert dem Raspberry Pi zum fünften Geburtstag – und zum Einzug in die Top 4 der populärsten Computerplattformen aller Zeiten.

Aktuelle Ausgabe

10/2019
Raspberry Pi 4B

Diese Ausgabe als PDF kaufen

Preis € 9,99
(inkl. 19% MwSt.)

Stellenmarkt

Neuigkeiten

  • Sonnige Zeiten

    UV-Strahlung ist für das menschliche Auge unsichtbar, was sie umso gefährlicher macht. Die Höhe der tatsächlichen Belastung verrät Ihnen das Selbstbauprojekt UV-Sensor.

  • Gut verpackt

    Für das Ansteuern kleiner Displays gibt es keine Programme von der Stange. Mit Python und einer Pygame-Bibliothek erstellen Sie trotzdem im Handumdrehen Anwendungen.

  • Macro-Mini-Micro-Bit

    Was dem Raspberry Pi für die Computerwelt gelungen ist, versucht der BBC Micro:bit für Mikrocontroller zu wiederholen. Das für Schüler entwickelte Kit hilft beim Einstieg in die hardwarenahe Programmierung.

  • Vorhang auf

    Mit dem modernen Video-Codec HEVC (H.265) erstellte Filme spielen bisherige RasPi-Modelle oft nur ruckelnd ab. Wir testen, ob der neue Raspberry Pi 4B das besser kann.

  • Überraschung!

    Eine optimierte Architektur und mehr RAM beschleunigen den RasPi 4B deutlich. Wir prüfen, wie gut sich der Neuling als Desktop-Rechner schlägt.

  • Durchgestartet

    Ein Stresstest zeigt, wie sich der neue Raspberry Pi 4 Modell B gegenüber den älteren Modellen abhebt.

  • Vierte Generation

    Eine schnellere CPU, USB 3.0 und Gigabit-Ethernet sind nur die Highlights des Raspberry Pi 4B: Das Board bringt viele weitere Neuerungen mit.

  • Tiefenmesser

    Um die Pumpe in einem Brunnenschacht möglichst genau zu positionieren, brauchen Sie dessen Tiefe. Die ermitteln Sie mithilfe eines präzisen Messgeräts aus einem Luftdrucksensor und einem Mikrocontroller.

  • Faktencheck

    Das via DVB-T2 ausgestrahlte Digital-TV liefert Bilder in HD-Qualität. Der dabei eingesetzte H.265-Standard überfordert allerdings kleine Mini-Rechner wie den Raspberry Pi – oder geht es doch?

  • Zugriff von außen

    React Native erlaubt es, Apps mit wenigen Zeilen Code zu programmieren. Mit einem entsprechenden Server sprechen Sie so den RasPi vom Smartphone aus an.