Tracktion-Nachfolger Waveform8 auf dem Raspberry Pi

Willkommen in Linux

Wie schon Tracktion integriert sich auch Waveform8 gut in Linux. Kleine Probleme aus früheren Zeiten sind behoben, wie etwa das Abschalten der Audio-Engine beim Wechsel auf einen anderen virtuellen Desktop.

Die Verbindung zum Audio-Unterbau funktioniert am besten über den Server Jack. Theoretisch kann sich Waveform8 direkt mit Alsa verbinden, im Test funktionierte das aber auf einem Standard-PC mit Ubuntu Studio 16.04 eher schlecht – und auf dem Raspberry unter Maté gar nicht. Auf beiden Systemen verband sich die Anwendung aber problemlos und automatisch mit den von Jack angebotenen Anschlüssen an die Soundkarte und an Midi-Geräte.

Um die Fähigkeiten von Jack zum direkten Vernetzen von Sound-Software zu nutzen, müssen Sie zu einem einfachen Trick greifen, weil Waveform8 nur die beim Start von Jack gefundenen Anschlüsse der Soundkarte automatisch einbindet. Die für die Verbindung zuständige Juce-Bibliothek blendet ihre für Waveform8 angelegten Eingänge und Ausgänge in den Kontext von Jack ein und lässt sich so mit Tools wie Qjackctl oder Carla per Hand verdrahten (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Patchbay von Carla (links) erlaubt den Anschluss des für Waveform8 selbst unsichtbaren Ausgangs eines Gitarrenverstärkers in Form von Software an einen der 17 Eingänge, die Juce für Waveform8 in Jack anlegt.

Sobald Sie den Software-Ausgang in Jack angeschlossen haben, aktivieren Sie ihn in Waveform8 unter Einstellungen | Audio, und schon steht das Signal für Aufnahmen in Edits bereit, wenn Sie die Nummer des Juce-Eingangs als Quelle auswählen. Für die Aufnahme von Stereosignalen wählen Sie vor dem Aktivieren einen Kanal und aktivieren in der Konfiguration unten links Als Stereokanalpaar behandeln. Damit stehen der markierte Kanal und der darauffolgende als Stereoeingang in den Spurköpfen der Edits bereit. Aus Kanal 8 wird also etwa Kanal 8+9.

Für den Test hatten wir auf dem PC ein Alesis Drumpad an den Midi-Eingang einer Soundkarte des Typs MAudio 1024 PCI angeschlossen sowie ein PCR-50-Keyboard von Edirol via USB. Beide Instrumente funktionierten in Waveform8 anstandslos automatisch.

Auf dem Raspberry zeigte sich die Situation etwas durchwachsener: In dieser Installation von Waveform8 war die Midi-Funktionalität zwar eingeschaltet und entsprechende Spuren und Plugins waren aktiv. Der Editor ließ sich aber weder direkt im Clip noch in der Einzelansicht dazu bewegen, Noten mit dem Stiftwerkzeug anzunehmen. Hier müssen die Entwicklerteams wohl noch nacharbeiten.

Bei einer Produktion fordern vor allem Plugins für Effekte und Klangerzeuger das System. Die in der Applikation enthaltenen Effekte und Synthesizer starten aber ohne Zögern und leisten sich bei der Ausgabe keine Aussetzer oder Verzerrungen, die sich auf übermäßige Last zurückführen ließen. Die anderen eingebauten Plugins und LADSPA-Module arbeiten schnell und reibungslos.

Wer den Vorgänger bereits kennt, stellt schnell fest, dass Waveform8 eine Weiterentwicklung ist, keine Neuentwicklung. Immerhin macht es aber Schluss mit der bisher stur beibehaltenen Verweigerung allgemein üblicher Standards: Tracktion hatte keine eigene Mixer-Ansicht, weil sich der Mix schließlich über die Plugins für Lautstärke und Panorama realisieren ließ und am rechten Ende der Spuren eine Pegelanzeige zappelte. Es gab sogar eine versteckte Funktion für einen Mixer, die allerdings nur augenzwinkernd das Foto eines Hardware-Mixers einblendete, um zu demonstrieren, wie überflüssig so etwas auf einem Computermonitor sei. Die in Waveform8 tatsächlich funktionierende Ansicht (Abbildung 4) stellt sich als überlegene Alternative zu den bisherigen Möglichkeiten heraus.

Abbildung 4: Selbst Projekte mit vielen Spuren mixen Sie mit der neuen Ansicht sogar auf kleinen Displays recht komfortabel. Das Beispiel zeigt einen antiken Monitor mit 1024 x 768 Punkten, an dem ein RasPi 3 unter Ubuntu Maté hängt.

Das etwas dunklere, kontrastreichere Farbschema der Anwendung sticht ebenfalls ins Auge: Wer Tracktion bisher mit seinen dezenten Pastelltönen etwas zu leicht fand oder ein Bedienelement in all der modernen Leichtigkeit nicht richtig traf, findet den Nachfolger vermutlich etwas solider. Ein Nachahmen von Metall oder gar Holz, wie es bei vielen Plugins üblich ist, verkniffen sich die Designer allerdings. Waveform8 sieht vor allem sachlich aus: Schieberegler haben keinen Knopf; stattdessen stellen Sie den Parameter einfach durch Ziehen am entsprechenden Balken ein.

Zu einer professionellen Oberfläche gehören das verständliche Beschriften der Bedienelemente und Tooltipps, die Elemente ausführlicher erklären. Beides hatten die Entwickler von Tracktion schon mit vorbildlicher Sorgfalt und Gründlichkeit eingebaut, allerdings waren die Übersetzungen ins Deutsche kaum zu gebrauchen. In dieser Hinsicht macht es die Neuauflage jetzt deutlich besser: Fast alle Texte wurden sauber ins Deutsche übersetzt; es finden sich kaum noch Stellen, an denen der Text nach Google Translate aussieht (Abbildung 5).

Abbildung 5: Beim Umstellen der Sprache auf Deutsch benutzt Waveform8 einen etwas klobigen Font. Wählen Sie stattdessen OxygenSans, dann erscheint die Schrift auch auf Deutsch gestochen scharf und nicht zu groß.

Molto allegro

Die neuen Funktionen machen das Programm in keiner Weise langsamer als Tracktion. Das liegt wohl vor allem daran, dass die meisten davon eine Neuauflage ohnehin schon implementierter Fähigkeiten sind. So zeigt der neue Mixer im Grunde nur eine großzügigere Ansicht der bekannten Werkzeuge am Ende einer Spur.

Ähnlich verhält es sich mit dem ebenfalls neuen Midi-Editor: Tracktion setzte konsequent auf das Bearbeiten von Midi-Regionen direkt in der Spur, ähnlich wie Ardour es anbietet. In Waveform8 blendet ein Klick auf das sehr kleine Klaviatur-Symbol rechts oben einen eigenständigen Editor für die gerade gewählte Region ein (Abbildung 6).

Abbildung 6: Im neuen Midi-Editor ist es möglich, Aufnahmen von anderen Spuren als Ghost-Tracks im Hintergrund anzuzeigen und so Noten synchron zu Aufnahmen zu komponieren.

Beim Midi-Editor zeigen sich noch kleine Unvollkommenheiten: Das horizontale Scrollen der Ansicht gelingt nur mit gehaltenem Linksklick auf die Taktleiste oben. Es gibt zwar erfreulicherweise Markierungen auf der Pianorolle für die standardmäßigen Schlagzeuginstrumente, aber noch keine Möglichkeit, spezielle Noten für das Schlagzeug einzugeben. Da die allermeisten Drum-Sampler mit normalen Midi-Noten kein Problem haben, ist das nur ein kleiner optischer Makel.

In der Praxis bleiben bei den Funktionen des Midi-Editors sowohl direkt in der Spur wie in der Einzelansicht kaum Wünsche offen, trotz der auf den ersten Blick simplen Oberfläche. Die Software zeigt im unteren Werkzeug-Bereich passende Einstellungen für gerade gewählte Objekte. Hier finden sich auch die Tools für die oft gebrauchten Funktionen Transponieren und Quantisieren.

Beim Quantisieren wenden Sie Groovepattern an, um mehr Lebendigkeit in den Rhythmus der Noten zu bringen. Wer alles per Hand perfekt einzuspielen vermag, der drückt [Q], um die Snap-Funktion der Midi-Regionen zu deaktivieren: Sie sorgt sonst dafür, dass Noten immer auf den nächsten Notenwert einrasten.

Bei Bedarf verschieben Sie sowohl die Mixer-Ansicht als auch den Midi-Editor aus der Oberfläche in einen eigenen Tab und von dort in ein eigenes Fenster. So sehen Sie, sofern Sie mehr als einen Monitor nutzen, mit dem Tracktion-Nachfolger verschiedene Aspekte der Produktion gleichzeitig.

Besonders der Mixer bringt dabei die passenden Optionen für sehr große Produktionen auf vielen Spuren mit. Auf einem gängigen Monitor mit 1600 Pixel Breite zeigt er im Vollbild mit auf mittlere Breite eingestellten Kanälen locker 40 Spuren nebeneinander an, wobei die wichtigsten Bedienelemente immer noch groß genug für schnelle Eingriffe mit der Maus bleiben (Abbildung 7).

Abbildung 7: Konzentration auf das Wesentliche: Selbst bei sehr vielen Spuren behalten Sie im Mixer die Übersicht und greifen bei Bedarf sehr einfach ein.

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