9-Dollar-Chip von Next Thing ausprobiert

© Martin Wolf/Golem.de

Das kleine Schwarze

Kann ein 9-Dollar-Computer ein Fehlkauf sein? Der Chip von Next Thing demonstriert, dass es sich dabei durchaus nicht um eine rhetorische Frage handelt.

Als die Crowdfunding-Kampagne für den Chip-Bastelcomputer [1] im Frühling 2015 begann, war die Finanzierung innerhalb kürzester Zeit gesichert. Kein Wunder, versprach der Hersteller Next Thing doch einen WLAN- und Bluetooth-fähigen Bastelcomputer zum Preis von gerade einmal 9 US-Dollar. Der Computer wurde im Juni an die Unterstützer ausgeliefert.

Mittlerweile kann man ihn beim Hersteller auch regulär für diesen Preis kaufen beziehungsweise vorbestellen. Doch die Konkurrenz hat längst nachgezogen: Den RasPi Zero gibt es ab 5 Euro, der kürzlich vorgestellte NanoPi-Neo [2] kostet in der billigsten Variante 8 US-Dollar.

Realistisch gesehen spielen aber weder der Preis noch die Preisdifferenzen eine nennenswerte Rolle: Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Ansprüche der Chip tatsächlich erfüllen kann und welchen Nutzungsszenarien er gerecht wird.

Nerviger Produktname

Der hier getestete 9-Dollar-SBC schreibt sich offiziell C.H.I.P., ein Akronym, mit dessen Bedeutung der Hersteller lange nicht herausrückte. Schließlich entfleuchte dem CEO Dave Rauchwerk auf einer Podiumsdiskussion, die Abkürzung stehe für "Computer Hardware in Products". Na ja.

Bei der Suche nach Informationen und Dokumentation zu dem Gerät hilft der Name nicht wirklich weiter: Google und Konsorten eliminieren die Punkte zum Suchbegriff "chip" und bombardieren dann den im deutschen Sprachraum Suchenden mit zahlreichen Ergebnissen von den Webseiten einer renommierten PC-Publikation aus dem Hause Vogel-Burda. Erst wenn man den Herstellernamen "Next Thing" mit angibt, erhält man halbwegs sinnvolle Resultate. Diese Vorgehensweise hat allerdings den Nachteil, dass fast alle Suchergebnisse auf das Herstellerforum verweisen – Texte von den Webseiten Dritter tauchen meist nicht auf.

Im vorliegenden Text verwenden wir die Schreibweise "Chip", ungeachtet der Verwechslungsgefahr mit generischen Computerbausteinen, gerösteten Kartoffelprodukten und deutschen IT-Zeitschriften: C.H.I.P. sieht ein wenig affig aus (auch die F.D.P. hat ja ihre Punkte vor Jahren schon abgegeben); bei CHIP erweckt der Text den Eindruck, der Redakteur hätte mit defekter Feststelltaste getippt. Wie es so schön im öffentlichen Nahverkehr heißt: Wir bitten um Ihr Verständnis. (jlu)

Bei den Erweiterungsplatinen hat sich Next Thing übrigens völlig vom Wortwitz übermannen lassen und solche Boards ohne nähere Erläuterung DIPs getauft. Typische Chip-Aufsätze heißen denn auch sinnigerweise Tzatziki DIP, Salsa DIP, Guacamole DIP oder Onion DIP. Wir wünschen viel Spaß bei der Suche nach Chips und Dips – für die nächsten Fernsehabende dürfte dann vorgesorgt sein.

Ordentliche Technik

Beim zentralen SoC des Chip handelt es sich um einen Allwinner R8, eine modifizierte Version des Allwinner A13. Sein einzelner Kern arbeitet mit einer Taktrate von 1 GHz. Er enthält eine Mali400-GPU und verfügt über 512 MByte RAM. Für die WLAN-Funktion nach IEEE 802.11b/g/n und für Bluetooth 4.0/LE besitzt der Chip ein Modul auf Basis eines Realtek RTL8723BS, Anschlüsse für externe Antennen stellt er nicht zur Verfügung.

Als Massenspeicher kommt statt einer (Micro-)SD-Karte ein NAND-Flash zum Einsatz, das formal eine Kapazität von 4 GByte bietet – formal deshalb, da es sich eigentlich um ein 8-GByte-Modul [3] handelt. Weil das verwendete Dateisystem UBIFS aber nicht mit MLC-Speicher [4] umgehen kann, nutzt der Chip den Flash-Speicher nur mit einem Bruchteil seiner möglichen Kapazität. Daneben gibt es bei UBIFS noch eine ganze Reihe anderer Merkwürdigkeiten [5].

Die Video- und Audioausgabe erfolgt über eine vierpolige 3,5-mm-Klinkenbuchse, die Videoübertragung per FBAS/Composite Video. Für Peripherie steht ein einzelner USB-Host-Anschluss bereit. Die Stromversorgung erfolgt über eine OTG-fähige Micro-USB-Schnittstelle. Alternativ lässt sich auch ein einzelliger 3,7V-LiPo-Akku anschließen, den der Chip zu laden vermag und der auch als USV dienen kann.

Die beiden Doppel-Pinleisten des Chip mit je 40 Kontakten sehen zwar beeindruckend aus (Abbildung 1), stellen jedoch nur acht GPIO-Pins bereit – die aktuellen Raspberry-Pi-Modelle bieten doppelt so viel. Nichtsdestotrotz eröffnen die Pinleisten für Bastler einige Optionen: So stehen zum Beispiel neben zwei I2C-Anschlüssen auch ein PWM-Pin und ein Analog-Digital-Konverter bereit. Die überwiegende Anzahl der Pins dient aber zum Anschluss eines berührungsempfindlichen Displays und einer Kamera per CSI [6].

Abbildung 1: Der Chip ist mit 9 US-Dollar zwar preiswert, aber auch sparsam mit Anschlüssen ausgerüstet.

Der Chip wirkt mit seiner schwarzen Platine klein, der handliche SBC ist aufgrund der Pinleisten auch recht griffig. Die Anschlüsse befinden sich an den beiden Enden. Erst im direkten Vergleich mit einem RasPi Zero sticht ins Auge, dass der Chip tatsächlich doppelt so breit ausfällt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Chip (Mitte) positioniert sich bei der Größe zwischen dem RasPi Zero (links) und dem Raspberry Pi 3 (rechts). Ähnliches gilt auch für die Leistung.

Anstecken und loslegen

Next Thing liefert den Chip mit einem im Flash-Speicher vorinstallierten Betriebssystem. Dabei handelt es sich um eine angepasste Linux-Distribution namens "The Chip Operating System" auf Basis von Debian. Vorab ein Image herunterzuladen und eine SD-Karte zu bespielen können Sie sich also sparen.

Für einen ersten Test kramen wir einen USB-Hub heraus und schließen darüber eine Maus und eine Tastatur an den Chip an. Die Verbindung mit unserem als Monitor dienenden Flachbildfernseher stellen wir mithilfe eines Adapters von Klinken- auf Cinch-Composite-Stecker her. Schließlich versorgen wir den Chip per USB-Netzteil mit Strom. Der Hersteller empfiehlt dazu ein Netzteil, das mindestens 900 mA bereitstellt.

Unser Flachbildfernseher zeigt beim Start eine wenig begeisternde Auflösung von 720 x 480 Pixeln. Eine höhere Auflösung gelingt mit dem Anschluss über das Composite-Signal nicht.

Eine Durchsicht der Software erbringt kaum Überraschungen, vorinstalliert finden sich die üblichen Verdächtigen wie Iceweasel/Firefox als Webbrowser und Abiword als Textverarbeitung. Entwicklerwerkzeuge fehlen hingegen, selbst rudimentäre Programme wie Make. Insgesamt bleiben mehr als 3 GByte auf dem Flash-Speicher frei, eigentlich sogar mehr [7].

Bevor wir den Test fortsetzen, entscheiden wir uns, für die Videoausgabe auf HDMI zu wechseln und bei der Gelegenheit sicherheitshalber auch ein komplett neues Betriebssystem-Image im Flash zu installieren. Hier gibt es eine Einschränkung: Laut Hersteller lässt sich der Chip "unter Umständen" nicht an einem USB-3-Anschluss flashen.

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