Interview: Raspbmc-Maintainer Sam Nazarko

© Paolo De Santis, 123RF

Heimkino

Die beliebteste Mediacenter-Distro für den RasPi hat ein 19-jähriger Student aus der Taufe gehoben. Wir stellen ihn und die Geschichte hinter Raspbmc vor.

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Kaum war der Raspberry Pi auf dem Markt, da tauchte im Netz auch schon ein Betriebssystem-Image auf, das den Mini-Rechner in ein Mediacenter mit ausgezeichnetem Preis/Leistungsverhältnis verwandelte: Raspbmc. Im Interview sprechen wir mit dessen Macher über seine Person sowie die Entwicklung und Zukunft der Distribution.

Als der Raspberry Pi das Licht der Welt erblickte, überraschte er viele Menschen mit der Leistungsfähigkeit seiner Video-Hardware: Der 35-Euro-Computer war in der Lage, Full-HD-Videos wiederzugeben. So war es nur eine Frage der Zeit, bis der RasPi seinen Weg auch in die Wohnzimmer fand.

Die auf dem Minicomputer am weitesten verbreitete und gleichzeitig von Beginn an sehr zuverlässig gepflegte Mediacenter-Distribution ist Raspbmc [1]. Sie verwendet ein modifiziertes Raspbian, das in eine mittels vieler Patches optimierte und erweiterte Ausgabe von XBMC [2] bootet.

Dabei handelt es sich um eine mächtige Mediacenter-Software, die bereits seit 2002 von einer Reihe von Open-Source-Programmierern weiterentwickelt wird. Die erste Version erschien noch für die damals erhältlichen Fassungen der Xbox, daher stand zu jener Zeit das Akronym XBMC auch noch für "Xbox Media Center". Im Laufe der Jahre folgten Portierungen von XBMC auf andere Hardware-Plattformen, wie etwa Apple-TV oder das iPad.

Als XBMC auch für den Raspberry Pi verfügbar wurde, explodierten die ohnehin schon ordentlichen Nutzerzahlen förmlich. Drei verschiedene Distributionen brachten XBMC auf den Pi: OpenELEC, Xbian und Raspbmc. Letzteres erfuhr dabei die größte Verbreitung.

Raspbmc gibt sich nicht nur sehr benutzerfreundlich, sondern erhält auch häufig Updates mit zahlreichen neuen Features (Abbildung 1). Wir sprachen mit dem Initiator der Distribution über deren Entstehungsgeschichte, welche zukünftigen Entwicklungen uns erwarten und über den Menschen hinter dem Projekt. Bei Letzterem handelt es sich um den jungen Briten Sam Nazarko (Abbildung 2).

Abbildung 1: Über die Jahre skriptete die XBMC-Community zahlreiche nützliche Addons.
Abbildung 2: Sam Nazarko.

Interview

Raspberry Pi Geek: Bitte stellen Sie sich vor: Wer sind Sie, wo leben Sie und wie kamen Sie mit dem Raspberry Pi in Kontakt?

Sam Nazarko: Ich bin 19 Jahre alt und studiere Informatik am King's College in London. Ich lebe in Surrey, das zum Verwaltungsgebiet von Greater London gehört. Meinen ersten Kontakt zur Raspberry Pi Foundation hatte ich, als Liz Upton über meine Ankündigung bloggte, die Raspbmc-Distribution zu veröffentlichen. Ich kontaktierte sie daraufhin, da ich möglichst früh ein Board erhalten wollte, um umgehend mit der Arbeit beginnen zu können.

RPG: Warum starteten Sie das Raspbmc-Projekt?

Sam: Für die erste Generation der Apple-TV-Geräte hatte ich bereits eine auf XBMC basierende Distribution veröffentlicht. Sie verfügte über viele Nutzer und erzielte gute Resultate. Doch nach einiger Zeit wurden die Apple-TVs der ersten Generation nicht mehr produziert, und der Produktionsstart des RasPi tat eine attraktive Alternative auf: Er verbraucht äußerst wenig Strom, kostet wenig und benötigt wenig Platz.

RPG: Das Raspbmc-ISO wurde bereits über eine Million Mal heruntergeladen. Wie fühlt es sich an, etwas geschaffen zu haben, das so viele Menschen nutzen?

Sam: Es ist wirklich unglaublich. Fast jeder, der sich einen RasPi kauft, probiert Raspbmc direkt nach Raspbian aus,dem offiziellen OS der Foundation. Raspbmc ist also die zweitbeliebteste Distribution! Mich überrascht, dass das Projekt so viel Zuspruch erhält. Die Tweets all der Leute, die von ihren positiven Erfahrungen mit Raspbmc berichten, motivieren mich dazu, jeden Tag an weiteren Verbesserungen zu arbeiten.

RPG: An welchen anderen Projekten waren Sie in der Vergangenheit beteiligt?

Sam: Mein größtes anderes Projekt ist Crystalbuntu für Apple-TVs der ersten Generation, das auf diesen Geräten XBMC unter Linux laufen lässt. Der Vorteil bei dieser Lösung: Die Nutzer können auf diese Weise 1080p-Videos mit einer Crystal-HD-Karte abspielen. Apple stellt seit November 2009 keine Updates mehr für die Geräte der ersten Generation zur Verfügung, doch ich pflege die Apple-TV-Patchstick-Utilities seit August 2009 und die Crystalbuntu-Distribution seit Juni 2010.

RPG: Wann fingen Sie an, Computer zu benutzen? Wie könnte der Raspberry Pi noch mehr junge Menschen motivieren, sich kreativ mit Technik zu beschäftigen?

Sam: Ich fing mit vier Jahren an, Computer zu benutzen. Mein erster Rechner war ein Toshiba T4500C mit DOS 6.22 und Windows 3.11. Ich denke, es ist wichtig, so früh wie möglich Computer zu benutzen, da sie immer mehr Teil unseres täglichen Lebens werden. Der RasPi kann meiner Meinung nach eine Vorreiterrolle dabei spielen, junge Leute zu befähigen und zu motivieren, sich mit Technik auseinanderzusetzen. Der Vorteil des Raspberry Pi ist, dass er sich einerseits wie ein Consumer-Gerät nutzen lässt (etwa mit Raspbmc), auf der anderen Seite aber auch als Entwicklungsplattform. Außerdem handelt es sich beim Pi um ihr eigenes Gerät, sodass sie keine Angst davor haben müssen, den Familien-PC aus Versehen zu beschädigen.

RPG: Wie viele Leute beschäftigen sich momentan mit der Entwicklung von Raspbmc?

Sam: Derzeit bin ich der einzige Raspbmc-Entwickler. Jedoch erhalte ich Hilfe beim Testen, und die Community leistet ausgezeichnete Arbeit beim Melden und Beheben von Fehlern. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft noch mehr Entwickler an Bord kämen.

RPG: Für den RasPi existieren neben Raspbmc noch die Mediacenter-Distributionen Xbian und OpenELEC. Wie unterscheiden sich die beiden von Raspbmc?

Sam: Die Entwickler von Xbian und OpenELEC nutzen andere Ansätze. OpenELEC ist kein Debian-Derivat und fühlt sich minimalistisch an wie eine Appliance (also ein hochspezialisiertes Gerät). Ich denke, das passt nicht so gut zum Geist des RasPi, bei dem es immer um Modifikations- und Anpassungsmöglichkeiten geht. Mit Raspbmc kann man Pakete aus den Debian-Paketquellen nachinstallieren, OpenELEC erlaubt hingegen keine Änderungen am Root-Dateisystem. OpenELEC ist toll für Nutzer, die einfach nur Fernsehen schauen möchten. Aber es erlaubt nicht das Herumprobieren und die Freiheiten, die mit Raspbmc möglich sind – und die ein Raspberry Pi auch bieten sollte: Der ist schließlich ein Tüftler-Spielzeug. Xbian basiert wie Raspbmc auf Raspbian, aber ihm fehlen gegenüber meiner Distribution Features wie USB-Soundkarten-Unterstützung, eine "nanny cam" (Abbildung 3), einfache Installationsmöglichkeiten auf NFS und USB, duale Audio-Ausgabe und vieles mehr.

Abbildung 3: Raspbmc bietet sogar an, die optional erhältliche RasPi-Kamera einzubinden.

RPG: Mit vielen und umfangreichen Updates hat Raspbmc große Fortschritte gegenüber der ersten Version gemacht. Wie viel Zeit und Arbeit investieren Sie in das Projekt?

Sam: Updates benötigen sehr viel Zeit, hauptsächlich wegen der folgenden Faktoren: Das Kontrollieren der Upstream-Quellcodes von XBMC, der RasPi-Firmware, des Kernels und dessen Bugs, das Aktualisieren Raspbmc-eigener Patches und nicht zuletzt das Testen darauf, ob gemachte Änderungen gut funktionieren. Diese Testphasen benötigen sehr viel Zeit. Man will ja schließlich nicht durch ein fehlerhaftes Update mit einem Schlag die Installationen von Zehntausenden Nutzern zerstören! Ich arbeite jeden Tag vier bis fünf Stunden an Raspbmc, wobei das auch Support für Nutzer im Forum oder dem IRC-Channel umfasst.

RPG: Was denken Sie über Googles neuen "Chromecast"-Stick? Stellt er eine Alternative zur Verwendung eines RasPi als Mediacenter dar?

Sam: Ich sehe Googles "Chromecast" eigentlich eher als Anreiz, Raspbmc zu benutzen. Zukünftige Raspbmc-Versionen werden Chromecast-to-Pi-Funktionen beherrschen, mittels derer man Videos vom Google-Browser an den RasPi schicken kann. Das beruht auf einem Reverse Engineering des Chrome-Streaming-Protokolls, sodass sich Raspbmc bald selbst als Chromecast-fähiges "Gerät" bezeichnen kann.

RPG: Sie bekommen sehr viel Feedback. Am 1. April veröffentlichte die Raspbmc-Seite den Scherz, dass die Distribution von nun an Cracks für die beiden fehlenden Codecs enthalten würde. Gab es Leute die dies glaubten und wütend reagierten?

Sam: Die meisten Leute fanden den Aprilscherz recht amüsant. Allerdings waren einige Leute sauer auf die Raspberry Pi Foundation, weil diese die Codecs nicht kostenlos zur Verfügung stellt. Das geht aber aus patentrechtlichen Gründen auch gar nicht. Einige wenige Leute fielen auf den Scherz herein und reagierten empört – bis sie das Datum realisierten.

RPG: Sie arbeiten auch an LinXBMC. Worum handelt es sich dabei? Wird es Raspbmc ersetzen?

Sam: LinXBMC [3] ist eine XBMC-Linux-Distribution, die auf mehreren Geräten laufen wird. Die Codes von Crystalbuntu (i386) und Raspbmc (Armhf) ähneln sich stark, sodass der Gedanke naheliegt, beide Codebases zusammenzuführen und gleich noch Unterstützung für weitere Geräte hinzuzufügen. Das dürfte den Overhead bei der Entwicklung deutlich minimieren und ermöglicht außerdem, ein konsistentes Medienerlebnis über mehrere Plattformen hinweg anzubieten. Neue Features sind ebenfalls vorgesehen, wie etwa Chromecast-Streaming oder ein eingebetteter Webbrowser.

RPG: Vielen Dank für das Interview – und weiterhin viel Erfolg mit Raspbmc und LinXBMC! 

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