Eben Upton und die Raspberry Pi Foundation

Freie Software

Tatsächlich befriedigte die Community die Bedürfnisse des Projekts umgehend mit Betriebssystem-Portierungen von Arch Linux über Slackware und FreeBSD bis hin zu Android. Als Grundausstattung für Einsteiger empfiehlt die Foundation den Debian-Port Raspbian. Daneben stützt sich das Projekt-Team auf das X Windows System sowie die 2D-Grafikbibliothek Cairo ab und hofft, schon bald auch zur Entwicklung des designierten X.org-Nachfolgers Wayland [8] beitragen zu können. Als offizielle Programmiersprache dient Python, da es anders als Sprachen wie Java "Einsteigern nicht durch obskure Sprachkonstrukte eine steile Lernkurve abfordert. Zum Lernen brauchst du eine Sprache, bei der du ohne Schwierigkeiten den Fuß in die Tür bekommst.", stellt Upton dazu klar.

Der Pi bringt sogar eine frei lizenzierte Firmware für seinen als solchen proprietären Grafikkern mit. Dieses Arrangement kritisierten allerdings einige Mitglieder der FOSS-Community recht vehement ("Der GPU-Treiber für den Raspberry ist Schrott" [9]) als nicht ausreichend für ein wirklich freies System. Die resultierenden Streitigkeit beschreibt ein sichtlich getroffener Eben Upton als "eine der niederschmetterndsten Erfahrungen meines Lebens". Er habe die GPU mit entwickelt und hätte ihre exakte Spezifikation bis herunter auf die Registerebene nur zu gerne offengelegt, versichert er, denn er sei stolz auf seine Arbeit. "In der Praxis steckt aber Intellectual Property von Broadcom mit in der GPU, das die Firma schützen muss. Klar gibt es Leute, die aus durchaus guten Gründen – vor allem zu Ausbildungszwecken – gerne die Interna einsehen würden.", erläutert er das Problem.

Gleichzeitig stellt er aber klar: "Mit dem, was wir veröffentlichen konnten, können die Leute aber durchaus interessante Dinge anstellen. Ich denke, dass viele Benutzer anerkennen, dass wir das Bestmögliche getan haben. Ich hoffe, dass andere GPU-Hersteller sich davon eine Scheibe abschneiden und vielleicht sogar noch mehr Interna offenlegen. Und vielleicht können wir die Sache in ein oder zwei Jahren nochmal unter die Lupe nehmen und möglicherweise weitere Details freigeben."

Höhen und Tiefen

Für die Raspberry Pi Foundation war 2012 ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Neben dem Gerangel um die GPU zehrte es auch an den Nerven, das "wir Tag und Nacht ranklotzen mussten, um die Boards rauszubringen. Das war schon taff.", resümiert Upton. "Und es war ein gefundenes Fressen für die Presse. Einige glaubten wohl, dass wir es nie schaffen würden, aber jetzt sind wir durch: Du kannst heute einen RasPi bestellen, und morgen kriegst du ihn schon geliefert."

Upton ist aber deutlich anzumerken, dass für ihn die Highlights des Projekts alle Probleme auf dem Weg bei weitem aufwiegen: "Mir gefällt es, was die Anwender alles mit dem Raspberry anstellen, besonders hardwareseitig. Ich selbst komme ja von der Programmiererseite, deswegen hatte ich eher all die freie Software im Sinn, die man für den Pi schreiben könnte. Aber schau dir bloß an, was die Leute mit der Hardware machen – etwa, sie unter einem Ballon 40 Kilometer hoch in die Luft schicken, um aus der Stratosphäre Fotos zu knipsen. Das fand ich echt geil, ich bin selbst Weltraum-Fan."

Doch die größte Befriedigung zieht Upton aus einer ganz bestimmten Art von E-Mails, die ihn von Zeit zu Zeit erreicht: Die von Ingenieurskollegen, die lange vergeblich versucht haben, ihre Kinder für Technik zu begeistern. "Da steht dann: 'Ich hab mir einen Pi besorgt, und jetzt programmieren meine Kinder begeistert zusammen mit mir.' Diese E-Mails wiegen für mich alle Schwierigkeiten mit dem Projekt wieder auf", freut sich Upton – nicht zuletzt deshalb, weil der Raspberry offenbar zumindest hier dem Zweck dient, für den er von Anfang an konzipiert war.

Wenn es etwas am Raspberry-Pi-Projekt gibt, das Upton bedauert, dann nur eines: "Wir hatten Schwierigkeiten, uns auf das gesteckte Bildungsziel zu konzentrieren, weil die operationelle Seite des Projekts so schnell gewachsen ist. Obwohl wir überhaupt nur deswegen angetreten sind, mussten wir damit zurückstecken und erstmal Boards aus der Tür bringen.", ärgert sich Upton. Die aus der FOSS-Szene stammenden Anwender haben ohnehin inzwischen eine praktisch autarke Subkultur auf die Beine gestellt. Daher arbeitet Upton daran, nun die Foundation wieder auf ihren ursprünglichen Kurs zu bringen, nachdem die Produktion inzwischen einigermaßen die Nachfrage deckt und die Foundation explizit für den Bildungssektor einige neue Mitarbeiter anstellen konnte.

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